In Guinea-Bissau regieren auch die Drogenbosse mit

Putschende Soldaten und Attentate auf politische Führer sind keine neue Entwicklung in Guinea-Bissau : Seit der Unabhängigkeit von Portugal im Jahr 1974 und den ersten freien Wahlen 1994 hat noch keine Regierung die vollen fünf Jahre einer Amtszeit durchgestanden. Immer wieder griff das Militär nach der Macht. Der Coup vom vergangenen Donnerstag ist nur der jüngste Beleg für die schwelende Instabilität des westafrikanischen Staates, die vor allem mit dem Drogenschmuggel zusammenhängt.

Das Land gilt neben Guinea und Benin als wichtigster Umschlagplatz für in erster Linie kolumbianische Kokainkartelle, die ihre Ware nach Europa bringen wollen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Verbindungen zum lateinamerikanischen Drogenhandel in Guinea-Bissau bis in die höchsten Kreise von Politik, Militär und Polizei reichen. Die örtlichen Strafverfolgungsbehörden sind aus gutem Grund auf beiden Augen blind, wenn es um Kokain geht: Was sie von den Schmugglern als Schmiergeld erhalten, übersteigt leicht den Lohn eines ganzen Arbeitslebens.

Das erlaubt den Kartellen, ihre Lieferungen ohne großen Widerstand ins Land zu bringen. Geschätzte 800 bis 1.000 Kilogramm Kokain erreichen Guinea-Bissau in jeder Nacht. Auf der anderen Seite haben Bürgerkrieg und unzählige Militärcoups die legale Wirtschaft stets kleingehalten. Außer Cashew-Nüssen gibt es keine relevanten Exportgüter, schon gar keine, deren Wert mit dem schmutzigen Drogengeschäft mithalten könnte.

Ein schwacher Staat liefert Drogenkartellen gute Voraussetzungen

Kokainschmuggel in großem Stil beobachtet das UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung in Westafrika seit etwa 2004. Nachdem Europa als Absatzmarkt für die lateinamerikanischen Kartelle immer wichtiger wurde, wuchs der Handel in der Region sprunghaft. Für die Kolumbianer waren die alten Kokainrouten durch die Karibik, vor allem über Jamaica und Panama , zu gefährlich geworden. Zudem verloren die USA als Ziel südamerikanischer Drogen durch die Konkurrenz der Mexikaner an Attraktion.

Die westafrikanische Küste hingegen war von Beginn an ein Paradies für Schmuggler. Leicht per Flugzeug oder Schiff zu erreichen, sind die verarmten und krisengeplagten Staaten dort der perfekte Nährboden für kriminelle Aktivitäten. Mittlerweile sollen rund 60 Prozent des in Westeuropa konsumierten Kokains mit einem Straßenwert von rund 18 Milliarden Dollar über Westafrika verteilt werden.

Infolgedessen ist vor allem Guinea-Bissau inzwischen eher eine Art Filiale der Drogenkartelle als ein funktionierender Staat. Mit besten Voraussetzungen: Der Luftraum ist quasi nicht überwacht, überall gibt es kleine Flugfelder, ein Überbleibsel von Jahrzehnten des Bürgerkrieges. Die Polizei ist zudem käuflich, schlecht ausgerüstet oder faul. Vor der rund 350 Kilometer langen Küste wird kaum patrouilliert, viele kleine Inseln und Tausende einsame Buchten machen das Ausladen leicht.

Militär will unliebsame Politiker ersetzen

Die Verwicklungen des Militärs in den Drogenschmuggel könnten zumindest teilweise mit dem aktuellen Coup zusammenhängen. Für den 29. April waren Stichwahlen angesetzt, um einen Nachfolger für den im Januar nach langer Diabetes-Erkrankung verstorbenen Präsidenten Malam Bacai Sanha zu finden. Die erste Runde im März hatte Ministerpräsident Carlos Domingos Gomes Junior deutlich gewonnen; sein Kontrahent Kumba Yala hat beste Verbindungen zur Armee und soll schon bei früheren Putschversuchen seine Hände im Spiel gehabt haben. Er wollte die Stichwahl wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten boykottieren.

Vor diesem Hintergrund erscheinen Spekulationen durchaus glaubwürdig , Gomes' Reformpläne für die Armee könnten mächtige Militärs beunruhigt haben, die vom Drogenhandel profitieren. Gomes und Übergangspräsident Raimundo Pereira jedenfalls sollen sich noch in der Gewalt der Putschisten befinden. Im Dunkeln liegt derzeit, wer wirklich hinter dem Coup steckt und das Aufbegehren einer Gruppe unbekannter Soldaten unterstützt hat.

Unmut über Angolas Militärmission nur vorgeschoben

In jedem Fall ging es um die Macht, auch wenn das selbst ernannte "Militärkommando" das Gegenteil behauptet und sich nun mit einer Reihe von Oppositionsparteien offenbar um einen schnellen Übergang zu einer neuen zivilen Führung bemüht. Die Ankündigung der Putschisten, in jeder künftigen Regierung das Innen- und Verteidigungsministerium kontrollieren zu wollen, spricht jedenfalls eine deutliche Sprache. Und im Grunde war das Militär bei jedem der bisherigen Umstürze in Guinea-Bissau nicht daran interessiert, selbst die Führung zu übernehmen, sondern vielmehr daran, unliebsame Politiker kaltzustellen und zu ersetzen.

Der angebliche Grund für den Staatsstreich wirkt hingegen vorgeschoben: Die Regierung plane laut Geheimdokumenten zusammen mit den Streitkräften von Angola , das Militär des Landes zu zerstören. Angola, ebenfalls eine frühere portugiesische Kolonie, hat seit etwa einem Jahr rund 200 Soldaten in Guinea-Bissau stationiert. Sie sollten das Land bei der Reform seiner Armee unterstützen.