Frauen und Kinder ließen sie in Deutschland zurück, um sich in der größten und bevölkerungsreichsten Kolonie des Kaiserreichs einer abenteuerlichen Aufgabe zu stellen: Drei Mitarbeiter der Papenburger Meyer-Werft , der Schiffbaumeister Anton Rüter, der Nieter Rudolf Tellmann und der Geselle Hermann Wendt, machten sich kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs daran, in Deutsch-Ostafrika (heute Tansania , Ruanda und Burundi ) ein in Deutschland entwickeltes Dampfschiff fahrtüchtig zu machen.

Rüter berichtete damals an seinen Arbeitgeber: "Außer einem unfähigen Schreiner und einem kompetenten Elektriker habe ich hier keine europäischen Helfer finden können. Ich beschäftige jetzt 20 fleißige Inder und 150 Schwarze. Wenn das Nieten beginnt, werden vermutlich 100 zusätzliche Schwarze gebraucht werden…"

Niemand konnte ahnen, dass die Graf Goetzen , die heute Liemba heißt, auch noch fast 100 Jahre später ihren Dienst auf dem Tanganjikasee tun würde. Zweimal sank sie im Laufe ihrer langen Geschichte, zweimal wurde sie gehoben. Doch ist das Schiff nicht bloß technisches Relikt aus einer längst vergangenen Epoche . Die Liemba ist für die Menschen, die an den Ufern des Sees zu Hause sind, unersetzliches Verkehrsmittel, Identifikationsobjekt und Hoffnung zugleich. 700 Kilometer lang ist die Route, auf der Touristen aus aller Welt noch die unwichtigsten Passagiere sind.

Wichtiges Verkehrsmittel für die Anwohner des Tanganjikasees

Für die Anwohner, besonders für unzählige kleine Händler, die auf dem See ihre Waren transportieren, hat die regelmäßige Tour der Liemba enorme Bedeutung – denn sie erst macht das größte Binnengewässer des Kontinents zur Lebensader zwischen den Anrainerstaaten: Über eine solche Entfernung gibt es kein anderes zuverlässiges Transportmittel. Noch größere symbolische Bedeutung hat das Schiff spätestens seit den zurückliegenden Bürgerkriegen in der Region, als es etwa nach dem Sturz des Diktators Mobutu Sese Seko Zehntausende Flüchtlinge wieder in ihre Heimat brachte.

All das lässt die Menschen lächeln, wo immer die Liemba anlegt; schließlich kennen selbst die ältesten das Schiff von Kindheit an. Doch mit ihnen ist auch die ehemalige Graf Goetzen in die Jahre gekommen. Schon in den frühen siebziger Jahren stand sie kurz vor ihrer Verschrottung.

Die Maschine und weitere Teile waren schon ausgebaut, als der irische Schiffsingenieur Patrick Dougherty mit Unterstützung der Weltbank und mehrerer Entwicklungsprogramme alles daran setzte, das Schiff fahrtüchtig zu halten. Seitdem fährt die Liemba mit Dieselmotoren. Noch einmal gründlich modernisiert wurde sie zuletzt 1993 aus Mitteln der dänischen Entwicklungsagentur Danida. Jetzt ist erneut eine komplette – und kostspielige – Sanierung nötig.

Soll die Liemba weiterfahren – und wenn ja, wer soll das bezahlen? Darüber diskutieren gleich mehrere Bundesministerien, die niedersächsische Staatskanzlei und private Initiativen . Hatten sich jahrzehntelang in Deutschland nur Abenteurer und Enthusiasten für das Schiff mit der langen Geschichte interessiert, war es vor zwei Jahren der damalige Bundespräsident und Afrika-Freund Horst Köhler, der sie zu einem Thema der Entwicklungspolitik machte. Auf dessen Anregung setzte sich Christian Wulff als niedersächsischer Ministerpräsident dafür ein, eine mögliche Instandsetzung zu prüfen.

Reparatur würde sechs bis acht Millionen Euro kosten

Zweimal hat seitdem eine Delegation der Staatskanzlei Tansania besucht und dort im heutigen Heimathafen der Liemba , Kigoma, Gespräche geführt und den Zustand des Schiffs begutachtet. Jochen Zerrahn, langjähriger Chefingenieur der Meyer-Werft, war dabei: "Oben wurde gefeiert, ich zog das Jackett aus und kroch unten durch das Schiff."

Und er kam zu dem Schluss: Eine Reparatur wäre teuer – von sechs bis acht Millionen Euro geht er aus –, aber möglich und sinnvoll. Begeistert war Zerrahn besonders von der Besatzung: "Sie lieben ihr Schiff und kennen jedes Detail, können jedes Problem benennen."