Vika Schesteperowa hat Angst. Die 28 Jahre alte Journalistin war am Vormittag im Stadtzentrum von Dnjepropetrowsk unterwegs, als sie die Explosion hörte : Um 11 Uhr 50 detonierte eine selbst gebaute Bombe an einer Straßenbahnhaltestelle. Drei weitere Sprengsätze gingen am Heimat-Theater, am Globa Park und an der Oper hoch. Mindestens 29 Menschen wurden verletzt, darunter zehn Kinder. Am Nachmittag wurde eine weitere Bombe gefunden, die jedoch entschärft werden konnte. Drei Panzerwagen der ukrainischen Polizei-Spezialeinheit Berkut patrouillierten im Stadtzentrum.

"Die Stadt ist im Schockzustand", berichtet Schesteperowa. Ihre Verwandten seien alle gesund, Sorgen mache sie sich um ihre Freunde. "Ich kann sie nicht erreichen, weil die Mobiltelefone nicht funktionieren." Im Stadtzentrum wurde das Mobilfunknetz abgeschaltet, weil der oder die Täter weitere Bomben per Handy zünden könnten.

Wer steckt hinter den Anschlägen? Ukrainische Medien spekulieren, dass es sich um Kriminelle oder politische Extremisten handeln könnte. Eine ukrainische Nachrichtenagentur berichtete am Nachmittag, dass eine Person im Zusammenhang mit den Anschlägen verhaftet worden sei. Der Ukrainische Sicherheitsdienst (SBU) wollte das nicht bestätigen. "Ich verspreche aber, dass wir die Täter finden und bestrafen werden", beteuerte SBU-Leiter Wladimir Rakitskij.

Für Verwirrung sorgte außerdem eine Meldung, wonach in der Stadtverwaltung ein Erpresserbrief eingegangen sein soll. Unbekannte hätten Geld gefordert, ansonsten würden weitere Bomben explodieren. Laut SBU-Chef Rakitskij habe es jedoch keine "Forderungen" oder "Drohungen" gegeben. Die Polizei geht dennoch von einem kriminellen Hintergrund aus.

Oppositionspolitiker vermuten ein Komplott der Regierung

Die Anschläge wurden nur wenige Wochen vor der Fußball-EM in Polen und der Ukraine verübt. Die Bomben zündeten zu einem Zeitpunkt, zu dem ganz  Europa wegen des Hungerstreiks der Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko auf die Ukraine schaute. Gibt es einen Zusammenhang?

Andrej Schkil jedenfalls, Abgeordneter von Timoschenkos Heimat-Partei, glaubt, dass die Anschläge der Regierung um Viktor Janukowitsch gerade recht kommen. Sie könne einen Terrorakt zum Anlass nehmen, um den Ausnahmezustand zu verhängen, befürchtet der Politiker: "Dann werden Demonstrationen verboten und andere Grundrechte eingeschränkt." Justizminister Alexander Lawrinowitsch wies dies jedoch zurück.

Mikola Tomenko, ebenfalls Abgeordneter der Heimat-Partei, vermutet sogar einen Komplott. Er schließe nicht aus, dass hochrangige Regierungsmitglieder in die Anschläge verwickelt seien, sagt er. Janukowitsch habe ein Interesse daran, von der Diskussion um die Haftbedingungen Timoschenkos abzulenken. Timoschenko soll in ihrer Zelle im Charkower Frauengefängnis von Wärtern geschlagen worden sein, was internationale Proteste ausgelöst hat. Sie hat außerdem ein Rückenleiden und gibt an, nicht korrekt behandelt zu werden.