Ein verletztes Land sucht sich

Ist Frankreich ein Land, das sich verleugnet, wie der britische Economist neulich titelte? Gewiss, das Land fürchtet sich vor der Globalisierung. Zweiundachtzig Prozent der Franzosen meinen laut Umfragen, die Globalisierung schlage sich negativ auf dem französischen Arbeitsmarkt nieder. Es kommt nicht von ungefähr, dass le modèle allemand , das deutsche Modell, einer der meist zitierten Begriffe dieses Wahlkampfes ist.

Keine Debatte in der Öffentlichkeit, ohne dass die Kommentatoren und Experten nach Deutschland schauen . Hier eine Diskussion über Frankreichs fehlende Innovationspolitik, dort über die Schwäche seines Mittelstands, da über die unzureichenden Produktivitätssteigerungen in der Industrie. Doch so beneidenswert die Ergebnisse des deutschen Modells auch sind, die Wirtschaftspolitik der Bundesrepublik lässt sich nicht kopieren . Einer der Aspekte, die man zu wenig berücksichtigt, sind die psychosoziologischen Hintergründe, welche einen solchen Weg ermöglichen.

Das Made in Germany wäre schlicht undenkbar ohne die Natur des Dialogs zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, der sich mit den beiden Stichworten Kompromissbereitschaft und Verhältnismäßigkeit umschreiben lässt. Die Bundesrepublik versteht sich als der Sozialstaat schlechthin. Dafür vertraut sie der Zivilgesellschaft, den Gewerkschaftlern und Arbeitgeberverbänden als Vermittlern. Die sozialen Verhältnisse, die dem Standort Deutschland letztlich dienen, sind in Frankreich nicht vorhanden: "Die Bevölkerung in Frankreich ist sich bewusst darüber, dass die Globalisierung viele soziale Errungenschaften in Frage stellt", sagt der Ökonom Jacques Sapir, Autor des Buches La Démondialisation ( Die Entglobalisierung).

"Was in Deutschland zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern verhandelt worden ist, wurde meist in Frankreich durch einen harten Kampf erreicht. Da es ein Ergebnis eines Kampfes ist, halten die Menschen daran umso mehr fest. Wenn aber Errungenschaften sich verhandeln lassen, kann man sie abermals verhandeln. In Frankreich war die Zahl der Gewerkschafter immer niedrig, im Vergleich zu Deutschland." Das sei der Unterschied zwischen einer Gewerkschaftsbewegung von Mitgliedern und einer von Militanten.

Der soziale Dialog beruht in Frankreich eher auf Kampf , das Gemeinwohl wird selten berücksichtigt. Die Ökonomen Yann Algan und Pierre Cahuc haben bereits 2007 diese Tatsache analysiert. In ihrem Buch Die misstrauische Gesellschaft , das die Blockade der französischen Gesellschaft durchleuchtet, schreiben sie: "Seit zwanzig Jahren beweisen Studien aus allen Industrieländern, dass die Franzosen, mehr als andere Nationen, ihren Mitbürgern, dem Staat und dem Markt misstrauen.

Dieses Misstrauen ist mit einem häufig fehlenden staatsbürgerlichen Pflichtgefühl verbunden, das für die Wirtschaft und den Sozialstaat essenziell ist." Die Ökonomen sehen im Kern dieses Misstrauens eine Mischung von "Korporatismus und Etatismus". Das französische Sozialmodell müsse grundlegend reformiert werden – sonst werde der Zusammenhalt der Gesellschaft ausgehöhlt. "Die Schwäche des sozialen Dialogs und der Vertrauensmangel gegenüber dem Markt macht das Eingreifen des Staates notwendig." Dieses Eingreifen bestehe jedoch meist darin, gewisse Gruppen zu bevorteilen – häufig auf Kosten des sozialen Dialogs.

Ausgerechnet le vivre-ensemble , das Miteinander, wird nun seit einigen Jahren in der Öffentlichkeit thematisiert. Wenn auch unauffällig, ist es in den letzten Monaten in der Öffentlichkeit immer wieder zur Debatte darüber gekommen. Es ist neu, ja gar ein Tabubruch. Weil le vivre-ensemble de facto unterstellt, dass es Gemeinschaften gibt. Die offizielle Sprache der Republik ignoriert die unterschiedlichen Herkünfte ihre Bürger, es gibt theoretisch weder Weiße, noch Schwarze, noch Araber, noch Asiaten, sondern nur Franzosen. In Deutschland wird der Fußballer Mesut Özil etwa als Deutsch-Türke bezeichnet. Aber es wäre in Frankreich undenkbar, sogar Rassismus, Zinedine Zidane als Franzosen-Algerier zu etikettieren.

Frankreich ist im Umbruch 

Seit einigen Jahren erlebt man jedoch in der Öffentlichkeit die Forderung nach Identitätsformen, welche die Herkunft betonen, ohne jedoch dass die Akteure ihre französische Zugehörigkeit in Frage stellen. In ihrer Mühe, diese angeblichen Widersprüche noch in den Griff zu bekommen, hat die Republik für die Araber, Schwarzen und Asiaten ein offizielles Wort erschaffen, les minorités visibles , die sichtbaren Minderheiten, was an politischer Korrektheit nicht zu überbieten ist. Aber auch, wenn man es hinterfragt, ist es der Beweis dafür, dass die republikanische Ideologie sich erschöpft hat.

Es kommt nicht von ungefähr, dass François Hollande im Wahlkampf versprochen hat, er werde das Wort "Rasse" aus der Verfassung entfernen. Nicolas Sarkozy , Marine Le Pen , François Bayrou , Jean-Luc Mélanchon haben alle auf ihre Art diese Problematik thematisiert. Frankreichs laizistisches, republikanisches Gründungsmythos schafft es nicht mehr, das Fundament für das Miteinanderleben zu liefern und die gesellschaftliche Auseinandersetzung  aufzufangen. Hinter der Wirtschaftskrise tobt ein gewaltiges Identitätsproblem in Frankreich, das die Wahrnehmung der Krise verzerrt.

Frankreich könnte heute einfach hinnehmen, dass seine Bedeutung in der Weltgeschichte sinkt und darauf pragmatisch reagieren. Noch immer ist es die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt, mit führenden Großunternehmen in fast jeder Branche. Ein ausgeprägtes politisches Selbstbewusstsein hat in Frankreich eine lange Tradition. Es ist letztlich eine Gaullistische Idee, und sie erklärt auch, warum selbst die Gaullisten, heute in der Regierungspartei UMP, nie liberaler waren. De Gaulle hat einst gesagt, "die Politik lässt sich nicht an der Börse machen". Auch die revolutionäre Nostalgie von Mélanchon trägt somit in paradoxer Weise Gaullistische Züge.

"Frankreich versteht sich als Land, in dem heute noch die Politik die Ökonomie beherrschen und die Welt verändern kann. Alles, was den Nationalrahmen sprengt, führt zur Vorstellung, man habe an Souveränität verloren", sagt Béatrice Durand, Privatdozentin an der FU Berlin und Autorin von La nouvelle idéologie française , einem Buch, das den laizistischen Diskurs Frankreichs dekonstruiert. Es habe immer "eine Neigung zur politischen Radikalität in Frankreich" gegeben, und diese Haltung sei mit einem gewissen Prestige verbunden. "So etwas existiert in Deutschland nicht."

Ein Land, das sich verleugnet? Es ist mehr als das. Frankreich ist im Umbruch. Ein verletztes Land, das sich sucht. Und da kann das deutsche Modell nicht helfen, egal, wer die Präsidentschaftswahl in diesen Tagen gewinnt.