Es ging nur um 45 Mandate – aber für das Ansehen Birmas und seiner Regierung ging es am Sonntag ums Ganze. Für die Verantwortlichen der Regierung in Naypidaw war die Nachwahl zum Parlament so etwas wie die Fahrkarte in die eigene Freiheit. Und die hängt zu einem großen Teil an der Ikone der Demokratiebewegung, Aung San Suu Kyi, die zum ersten Mal als Abgeordnete kandidieren konnte. Nach Berichten ihrer Partei, der Nationalen Liga für Demokratie (NLD), hat sie in ihrem Wahlkreis überragend abgeschnitten und erstmals einen Sitz in der Volksvertretung errungen. Von den 45 zur Wahl stehenden Sitzen habe die NLD 44 Mandate gewonnen, sagte der Wahlkampfmanager der Partei, Nyan Win.

Vor der Zentrale der NLD in Rangun feierten mehrere tausend Anhänger den Sieg – obgleich offiziell noch kein Ergebnis verkündet worden war. Auf großen Bildschirmen wurden die Ergebnisse gezeigt, die die Parteibeobachter hereintelefonierten, berichtete der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning, dem Tagesspiegel telefonisch von der Party.

Welch ein Unterschied zum November 2010. Damals saß Aung San Suu Kyi noch in ihrem Haus in der University Avenue in Rangun in Arrest, die NLD hatte zwar noch ihre (überwachte) Zentrale nahe der Shwedagon-Pagode, aber die Partei gab es offiziell nicht mehr. Da ihre Chefin nicht antreten dürfte, hatte sie zum Boykott der sogenannten Wahlen aufgerufen. Einige Oppositionelle hatten dennoch kandidiert. Die Wahllokale waren damals aber alle abgeschirmt. Trotzdem drang beim Auszählen die Kunde hinaus, dass in vielen Wahllokalen die Opposition die Mehrheit geholt hatte. Wundersamerweise verwandelten sich die Stimmen auf dem Weg zur Wahlkommission in Voten für die vom Militär gegründete Partei USDP – obwohl ohnehin schon 25 Prozent der Sitze für Soldaten reserviert waren.

Ausländische Besucher waren 2010 nicht erlaubt, ausländische Journalisten schon gar nicht. Jeder Europäer in der Nähe eines Wahllokals wurde ausgiebig beäugt, einheimische Begleiter sofort zum Rapport bestellt. Und als eine Woche später Aung San Suu Kyi freigelassen wurde, kamen zwar sofort Tausende, um ihrer Heldin zu huldigen, aber alle hatten trotzdem Angst, verhaftet zu werden. 

Wahlbeobachter zugelassen

Diesmal hatte der Präsident, Ex-General und Ex-Premier Thein Sein, kurzfristig sogar internationale Wahlbeobachter eingeladen und öffentlich erklärt, alle Parteien müssten damit leben, wie das Volk entscheide, egal ob der eigene Kandidat gewinne oder verliere. Es gehe um faire und freie Wahlen.

Fair und frei war die Abstimmung am Sonntag offenbar nicht, zumindest nicht überall. Aung San Suu Kyis Partei beklagte zum Beispiel, dass die Kästchen der NLD auf Wahlzetteln mit Wachs präpariert gewesen seien, so dass nachträglich ein dort gemachtes Kreuz leicht entfernt werden könnte. Löning hörte von einer NLD-Kandidatin im Shan-State allerdings, dass sie sich überall frei bewegen konnte: "Wenn es Unregelmäßigkeiten gab, müssen sie überprüft werden." Es sei ein gutes Zeichen, dass die Menschen Unregelmäßigkeiten meldeten. Gradmesser dafür, wie weit der ursprünglich vom Militär angestoßene Öffnungsprozess wirklich ist, wird sein, wie viele Wahlkreise die NLD holen konnte.