Einige Medien werden am Sonntagabend sehr alt aussehen: Verlässliche Schätzungen des Wahlergebnisses werden bereits kurz nach 18 Uhr im Netz kursieren, nur nicht auf den großen Nachrichtenwebsites Frankreichs und schon gar nicht im Fernsehen. Es ist nämlich bei Strafe von 75.000 Euro verboten, die Resultate von Umfragen vor den Wahlkabinen oder gar die ersten Hochrechnungen vor 20 Uhr zu veröffentlichen – woran sich sich allerdings belgische Medien ebenso wenig halten werden wie französische Twitterer.

Sinn der Regel ist es, eine Beeinflussung jeder Wähler zu vermeiden, die in einigen Großstädten bis 20 Uhr abstimmen dürfen. Viele sind das jedoch nicht, und es fragt sich erst recht, wie viele von ihnen denn vorher das Internet konsultieren: eine alberne Regel.

Ebenso albern wie jene, die seit dem 20. März gilt: Im staatseigenen Fernsehen muss seither jedem der zehn Kandidaten die gleiche Sendezeit zustehen. Ein Sender, der Nicolas Sarkozy oder François Hollande interviewen will, ist daher gezwungen, ebenso lang die Kandidaten zweier trotzkistischer Miniparteien oder gar den französischen Vertreter der konspirationistischen Larouche-Bewegung zu Wort kommen lassen. Noch alberner war da nur noch die Beschwerde Sarkozys, wegen dieser Regel stünde er "allein gegen neun" und das sei gemein.

So richtig will ihm aber eh niemand mehr zuhören. Er ist beinahe der einzige, der noch an seinen Sieg glaubt – wenn er es denn tut. Seine Umgebung sucht nach neuen Jobs. Und Time hat ihn von der Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt gestrichen.

Wenig Enthusiasmus für Hollande

Im sozialistischen Lager ist man entsprechend selbstbewusst und redet sich ein, man begeistere die Wähler für das eigene Programm. Umfragen beweisen das Gegenteil, die Franzosen wollen nur den anderen loswerden; der Schriftsteller Pascal Bruckner spricht aus, was viele denken: Er werde Hollande wählen, "aber ohne Enthusiasmus."

Spannend bleibt die Sache dennoch. Wie viele Stimmen werden die radikalen Nationalisten bekommen, für die Marine Le Pen kandidiert ? Und wie viele ergattert der linksradikale Volksredner Jean-Luc Mélenchon? Sein Parteienbündnis, dessen organisatorische Basis die Kommunistische Partei ist, fischt nicht nur im sozialistischen Reservoir, sondern auch in dem Le Pens – und zwar ohne sich, wie Sarkozy, rechts anzubiedern. Für seine wirkungsvollen Attacken gegen die Rechtspopulisten muss man ihm dankbar sein, mag er auch Castro, Che und Chavez für Demokraten halten.