Nun haben die Kassandra-Rufer wieder das Wort. Den "kurzen Dienstweg" zwischen Berlin und Paris gebe es nicht mehr, klagen sie. Eine Übereinstimmung zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem neuen Mann im Pariser Elysée-Palast, François Hollande , sei nicht in Sicht . Und, oh weh, statt Küsschen wie früher gibt es zwischen der Kanzlerin und dem Präsidenten nur einen festen Händedruck. Fazit: Die deutsch-französische Achse steht auf dem Spiel und schlimmer noch, damit auch der Ausweg aus der europäischen Krise.

Die französischen bises , die Frankreichs Ex-Präsident Nicolas Sarkozy stets überschwänglich zur Begrüßung auf Merkels Wangen platzierte, hat die Kanzlerin zumindest zu Beginn von dessen Amtszeit gehasst. Das sei einmal vorweg gesagt. Gerhard Schröder und Jacques Chirac konnten sich lange nicht leiden und fanden erst über ihren gemeinsamen Widerstand gegen den Irak-Krieg zueinander. Und auch das jetzt wehmütig vermisste Tandem "Merkozy" brauchte zahlreiche Anläufe.

Niemand konnte ernsthaft erwarten, dass Hollande keine eigenen Akzente setzt, und dass das Agenda-Setting völlig reibungslos geschieht. "Es war bisher eher ungewöhnlich, dass Frankreich und Deutschland von Beginn an dieselben Ansichten vertraten. Die Regel war, dass es erst einmal Meinungsverschiedenheiten gab", erinnert Stefan Seidendorf, Politologe am deutsch-französischen Institut (dfi) in Ludwigsburg. Nun gebe es also offensichtlich große Divergenzen über einen Wachstumspakt, der Europa aus der Krise holen könne. "Aber es ist gut, dass Frankreich und Deutschland die beiden Pole vertreten", sagt Seidendorf. "Denn wenn sie einen Kompromiss finden, werden auch die anderen EU-Mitglieder ihm zustimmen müssen." Von Sarkozy fühlten sich die Südländer, deren Positionen in der EU traditionell von Frankreich vertreten wurden, zuletzt sehr alleingelassen.

Am 17. Juni sind in Frankreich Parlamentswahlen

Daran, dass es einen Kompromiss geben wird, zweifelt im Augenblick kaum jemand. "Bis Mitte Juni ist Hollande noch im Wahlkampf und muss seiner Wählerschaft zeigen, dass er es mit dem Wachstum ernst meint und vor allem in der Lage ist, sich in diesem Punkt auf dem Europa- und sogar auf dem Weltparkett durchzusetzen", relativiert Claire Demesmay, Spezialistin für deutsch-französische Beziehungen bei der Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik in Berlin, Hollandes Auftreten am Mittwoch beim informellen Gipfeltreffen in Brüssel . Frankreichs Präsident war dort erneut für Euro-Bonds eingetreten, die die Kanzlerin strickt ablehnt.

Am 17. Juni sind in Frankreich Parlamentswahlen, erst danach steht fest, mit welchen Mehrheiten im Abgeordnetenhaus der neue Staatschef künftig Politik machen kann oder muss. Die bei der Präsidentschaftswahl bitter geschlagenen Konservativen legen sich mächtig ins Zeug, diese Niederlage wett zu machen. Da muss Hollande gegenhalten.

Ficht er also gegen Merkel derzeit nur einen Schaukampf? "Die Notwendigkeit eines Wahlerfolgs war sicher der Grund, warum Hollande in Brüssel den Konflikt mit Merkel suchte", ist Douglas Webber überzeugt. Der Politologe von der französischen Business School Insead ist jedoch auch überrascht, dass der Präsident mit dem Thema Euro-Bonds ein ziemlich hohes Risiko einging. "Es wäre für Angela Merkel sehr schwierig, ihm hier entgegenzukommen, zumal es in Deutschland verfassungsrechtliche Bedenken gibt und auch der EU-Vertrag geändert werden müsste."