Bis Ende 2014 will die Nato ihre Kampfverbände aus Afghanistan zurückziehen . Ein ambitionierter Zeitplan für eine immense logistische Herausforderung: Zehntausende Soldaten der Isaf-Schutztruppe müssen nach mehr als einem Jahrzehnt das Land verlassen, in den 1.300 Feldlagern und Operationsbasen stehen allein 70.000 Fahrzeuge und 122.000 Container; die Rückverlegung wird nach Schätzungen des Verteidigungsbündnisses viele Milliarden Euro kosten.

Doch Frankreichs neuem Präsidenten François Hollande geht das noch nicht schnell genug: Wie im Wahlkampf versprochen, will er die französischen Soldaten nun schon bis Ende des Jahres nach Hause holen.

Manche Analysten halten bereits den gemeinsamen Nato-Abzugsplan für überstürzt und gefährlich. Denn die Voraussetzung dafür ist, dass die Afghanen selbst die Verantwortung für die Sicherheit im Land tragen können. Angesichts einer schwachen Regierung, die weiterhin beinahe komplett von ausländischen Geldgebern abhängt, zudem korrupt und jenseits von Kabul wenig leistungsfähig ist, steht dieser Aufgabe vieles entgegen.

352.000 afghanische Sicherheitskräfte waren zuletzt das Maß der Dinge; dabei ist noch offen, wie ein solches Kontingent langfristig überhaupt zu bezahlen wäre – vom Ausbildungsstand der Soldaten und Polizisten ganz zu schweigen. Ab 2015 soll die Zahl auch deshalb auf 228.000 reduziert werden. Die Nato geht von Kosten für die Sicherheitskräfte von jährlich 4,1 Milliarden Dollar aus, von denen die Afghanen lediglich 500 Millionen selbst übernehmen sollen und können.

"Wettlauf zum Ausgang"

Der frühere französische Rückzug bringt in dieser Lage nur zusätzliche Verunsicherung, Beobachter warnen bereits vor einem "Wettlauf zum Ausgang", der damit eröffnet sei. Am deutlichsten formulierte Bundesaußenminister Westerwelle die Befürchtungen, die nun die Runde machen: "Ein Abzugswettlauf gießt nur Wasser auf die Mühlen derer, die Unsicherheit säen wollen", sagte er und warnte, so würde der Kampf gegen den Terrorismus geschwächt. Beifall bekam Frankreichs Präsident hingegen von den Taliban, die seine Abzugspläne in einer im Internet verbreiteten Mitteilung lobten.

Bereits Hollandes Vorgänger Nicolas Sarkozy hatte einen Rückzug bis Ende 2013 angekündigt, also ein Jahr früher als die Nato-Verbündeten. Frankreich stellt mit rund 3.300 Soldaten nur einen Bruchteil der 130.000 Mann starken Isaf-Mission von 28 Nato-Staaten und 22 Partnerländern. Die französischen Isaf-Truppen sind vor allem im Osten Afghanistans in der Region Kapisa, an den Flughäfen Kandahar und Kabul und im Isaf-Hauptquartier eingesetzt.

Ihr Beitrag ist also begrenzt und der schnellere Abzug würde das Bündnis wohl militärisch nicht allzu sehr in Bedrängnis bringen. Zumal Hollande betont hat, sein Land werde den Afghanistan-Einsatz auf andere Weise unterstützen. So sollen offenbar französische Ausbilder für Polizei und Armee auch 2013 noch bleiben. Außerdem sicherte Frankreich eine Unterstützung für Afghanistan nach 2014 ausdrücklich zu.