"Es spielt keine Rolle, ob die Katze schwarz oder weiß ist; solange sie Mäuse fängt, ist sie eine gute Katze." So oder ähnlich soll es Deng Xiaoping gesagt haben, der Mann, der China aus dem Steinzeitkommunismus führte. Nun wollen wir, sogar in dieser Kolumne, die Vergleiche nicht allzu sehr strapazieren, aber es gibt sehr wohl eine französische Katzenfrage: Welche von beiden, die rote sozialistische oder die blaue konservative Katze, ist in der Lage, Mäuse zu fangen?

Definieren wir erst einmal die Mäuse.

Frankreich leidet an der Globalisierung . Verliert Punkte auf allen internationalen Spielfeldern – sagen wir: fast allen; hin und wieder gibt es einen Oscar oder einen Nobelpreis . Jedenfalls ist das Land nicht fähig, seine großen Stärken voll auszuspielen: Seine Kultur, seine wissenschaftliche Tradition, seinen Enthusiasmus, seine historische Erfahrung, seine internationalen Verbindungen oder den Umstand, dass seine Sprache weltweit lebendig ist. Ein selbstbewusstes Frankreich würde sich der Welt öffnen, dem Verkehr von Menschen, Informationen, Waren, Kapital, in alle Richtungen.

Stattdessen haben die meisten Franzosen Angst vor der Globalisierung . Sie möchten von der Welt wirtschaftlich in Ruhe gelassen werden und phantasieren sich ihr Land in der Rolle eines gallischen Dorfes à la Asterix zurecht. Einer Umfrage zufolge finden 60 Prozent der Franzosen, ihr Land solle sich besser vor der Welt schützen, nur 22 Prozent plädieren für mehr Öffnung. Vor sechs Jahren waren es noch 31 und 43 Prozent. 

Dieser jähe Stimmungsumschwung nährt die nationalistische Strömung in Frankreich . Sie war am 1. Mai in Paris zu besichtigen. Da defilierte eine Demonstration der Front National zum Platz vor der Opéra Garnier. Ein buntes Publikum war das. Hier Bomberjacken und Lonsdale-Klamotten, dort Perlenketten und Jagdkostüme, Burberry-Schals oder Palästinensertücher, vor allem aber unauffällige Kleidung. Der meistgerufene Sprechchor war " On est chez nous " – "Wir sind hier zu Hause". Im Gegensatz zu wem? Nun, zum Beispiel im Gegensatz zu den Maghrebinern, die den Franzosen gleichwohl einst die Merguez genannten Halal-Würstchen mitgebracht hatten; auch am 1. Mai vor der Oper drang der nordafrikanische Duft in die rechtsnationalen Nasen.

"Die Nation ist in Lebensgefahr", dröhnte Jean-Marie Le Pen , der Parteigründer, der vor allem über Jeanne d'Arc sprach, derer die FN an jedem ersten Mai gedenkt. Er schloss seine Rede mit " Vive Jeanne! Vive Marine! Vive la France! ". Dann sprach die Tochter. Und Marine Le Pen hatte leider in einem Punkt recht: Seit dem ersten Wahlgang ist ihre Nationalistenpartei "das Gravitationszentrum der Politik geworden". Denn die beiden Kandidaten der Stichwahl am kommenden Sonntag bemühen sich um die Anhängerschaft der Rechtsextremistin .

Einer Umfrage zufolge befürworten 37 Prozent der Franzosen die Positionen der Frontisten. Das ist kein rechter Rand mehr.

Der Mäusefang bestünde in Frankreich also erstens in der Aufgabe, dieser Tendenz die Nahrung zu nehmen. Wie? Indem das Land zweitens für eine Politik der Reformen gewonnen wird, eine Politik der Modernisierung, des Umarmens der Globalisierung – so, dass neue Arbeitsplätze und Hoffnungen entstehen, und diese blind machende Angst vor der Welt da draußen schwindet.