Eigentlich wollte Amtsinhaber Nicolas Sarkozy drei TV-Begegnungen zwischen dem ersten und dem zweiten Wahlgang. Der jetzt ausgefochtene Zweikampf mit Präsidentschafts-Konkurrent Fran ç ois Hollande aber war das einzige Duell, das er seinem widerstrebenden Herausforderer abringen konnte. Deshalb ging es für ihn am Abend vor den Kameras um alles oder nichts.

Sarkozy weiß , dass er sich in der Öffentlichkeit besser darstellen kann als der zuweilen unbeholfen und hölzern wirkende Fran ç ois Hollande. Die vergangenen fünf Jahre zeigten zudem, dass Frankreichs Noch-Präsident in TV-Interviews immer wieder die Sympathie seiner Landsleute gewinnen konnte.

Nach der Anmoderation dauerte es keine zwei Minuten und die Zuschauer mussten das Gefühl haben, Zeugen eines Boxkampfes zu sein. Nach mehr als zwei Stunden war es schließlich nur noch ein kraftloses Um-sich-Schlagen in der verzweifelten Hoffnung, dass einer endlich zu Boden gehen würde.

Sarkozys Rückschlag

Hollande, dem der Zufallsgenerator das erste Wort erteilt hatte, ging sofort in die Offensive. Er werde ein "Präsident der Gerechtigkeit" sein, sagte er. Frankreichs "Privilegierte" seien zu lange protegiert worden. Das war ein klarer Hieb gegen Sarkozy, der in all den Jahren sein Image eines Präsidenten mit reichen Freunden nicht abschütteln konnte. Er versuchte zwar immer wieder, Hollande als Hasardeur darzustellen, der weder auf nationaler geschweige denn auf internationaler Bühne Erfahrung hat. Doch der Sozialist ließ sich nicht vorführen und konterte ein ums andere Mal.

Hollande konnte selbstbewusst in den Ring steigen, während Sarkozy noch einen Rückschlag verarbeiten musste. Marine le Pen, die Vorsitzende der rechtsextremen Partei Front National (FN) hatte anlässlich der Kundgebungen zum ersten Mai ausdrücklich keine Wahlempfehlung für Sarkozy. Stattdessen kündigte sie an, einen ungültigen Wahlzettel abzugeben.

Will der amtierende Präsident aber für weitere fünf Jahre in den Elysée-Palast einziehen, braucht er Stimmen der 6,4 Millionen Wähler, die in der ersten Runde am 22. April für die FN-Kandidatin votiert hatten. Und in Umfragen liegt Hollande sieben Prozentpunkte vor Sarkozy.

Hollandes Eloge auf Deutschland

Mit Themen wie innere Sicherheit und Zuwanderung hatte Sarkozy im Wahlkampf gespielt – nach Einschätzung von Beobachtern der FN zu seinen eigenen Ungunsten. Darum ging es in dem Verbalduell nur am Rande. Stattdessen konzentrierte sich die Debatte mehr als eineinhalb Stunden lang auf die wirtschaftliche Lage Frankreichs, auf Staatsschulden und Arbeitslose, Sparmaßnahmen und Wachstumsförderung. Hollande will unter anderem eine staatliche Investitionsbank gründen, um die Wirtschaft zu beleben, Sarkozy die Mehrwertsteuer erhöhen, um Arbeitskosten zu senken.

Der Präsident hatte in den vergangenen Wochen sein Lob auf Deutschland gedämpft, da ihm das in den Umfragen eher schadete als nützte. Nun setzte überraschend Hollande zu einer Eloge auf das Land an, das so viel besser da stehe als Frankreich. "Weil man dort schon vor Jahren die Reformen durchgesetzt hat, die Sie verweigern", gab Sarkozy zurück. Er erinnerte unter anderem daran, dass Hollande das von ihm auf 62 Jahre angehobene Renteneintrittsalter wieder auf 60 Jahre absenken wolle.

Womöglich will Hollande bei Kanzlerin Angela Merkel schon etwas gute Stimmung machen. Mit seiner Forderung, den innerhalb der EU mühsam ausgehandelten Fiskalpakt wieder aufschnüren zu wollen, hatte er sie verunsichert.

Hollande verbucht Merkels Ankündigung als Gewinn

Merkel liebt Sarkozy nicht, doch hat sie in den vergangenen fünf Jahren gelernt, den Spring-ins-Feld auf ihrer Linie zu halten. Deshalb und weil ein funktionierendes deutsch-französisches Duo gerade in der Euro-Schuldenkrise fundamental ist, blickt man in Berlin einem möglichen Wahlsieg Hollandes mit Bangen entgegen.

Die Sorge könnte übertrieben sein, meint Douglas Webber von der renommierten französischen Wirtschaftshochschule Insead. "Hollandes pro-europäische Orientierung ist unverändert stark", ist Webber überzeugt. Um dem Druck der erstarkenden EU-Skeptiker am rechten und linken Rand der französischen Gesellschaft Rechnung zu tragen, müsse Merkel Hollande aber "etwas anbieten, was er als Sieg verbuchen kann – auch wenn es sich nicht einmal um etwas Substanzielles handeln muss". Das könnte mit Merkels Forderung nach einer Wachstumsinitiative bereits geschehen sein.

Der Rest war mühsam

Hollande jedenfalls verbuchte diese Ankündigung der Kanzlerin während des Fernsehduells schon als Gewinn. Sarkozy blieb nur die spitze Bemerkung, "Hollande versteht nichts von Europa . Da haut man nicht auf den Tisch und sagt, ich will nicht."

Der Rest war mühsam. Je länger die Debatte dauerte, desto öfter fielen sich die Kandidaten ins Wort und bezichtigten sich gegenseitig der Lüge und Verleumdung. Jeder dritte Franzose saß gestern Abend vor dem Fernseher. Ob das eine Entscheidungshilfe war, darf allerdings bezweifelt werden.