Zum Auftakt eines zweiten Prozesses gegen die erkrankte ukrainische Ex-Regierungschefin Julija Timoschenko hat das Gericht eine Untersuchung der Beschuldigten durch einen Amtsarzt angeordnet. Damit soll geklärt werden, an welcher Krankheit die Oppositionsführerin leidet und ob sie an dem umstrittenen Verfahren wegen Steuerhinterziehung und Veruntreuung teilnehmen kann. Mit dieser Entscheidung folgte der Richter einem Antrag der Staatsanwaltschaft.

Daraufhin vertagte das Gericht den Prozess. Der nächste Verhandlungstermin ist der 10. Juli. Das ist gut eine Woche nach dem Ende der Fußball-EM, deren Finale in der ukrainischen Hauptstadt Kiew ausgetragen wird.

Unter Berufung auf ein Gutachten des deutschen Neurologen Karl Max Einhäupl weigerte sich die 51-jährige Timoschenko bisher, an dem Prozess teilzunehmen. Timoschenko hat ein Bandscheibenleiden und kann sich kaum bewegen. Seit Oktober verbüßt sie eine siebenjährige Haftstrafe wegen Amtsmissbrauchs. Kritiker halten das Urteil für politisch motiviert.

Der Anführerin der prowestlichen Orangenen Revolution von 2004 drohen zwölf weitere Jahre Haft, weil sie in ihrer Zeit als Chefin eines Energiekonzerns in den 1990er Jahren 681.000 Griwna an Steuern (heute rund 68.000 Euro) nicht gezahlt haben soll. Zudem habe sie dem Staat einen Schaden von 30 Millionen Griwna zugefügt.

Charité-Arzt zweifelt an vollständiger Genesung

An der Berliner Charité gibt es Zweifel an einer vollständigen Genesung des Bandscheibenvorfalls von Timoschenko. Es sei "nicht auszuschließen, dass bestimmte Störungen für immer bleiben", sagte Timoschenkos behandelnder Arzt von der Charité, Lutz Harms, der Berliner Morgenpost .

Wenn ein Nerv lange Zeit komprimiert sei, könne er am Ende zerstört sein. Die in der Ukraine in Haft sitzende Timoschenko könne ein Bein bislang kaum bewegen. Es sei nicht ausgeschlossen, dass doch noch eine Operation nötig sei.

Angesichts des schlechten Gesundheitszustands der ukrainischen Ex-Regierungschefin hält Harms es für nahezu ausgeschlossen, dass Timoschenkos Prozessfähigkeit schon wieder hergestellt sein könnte. "Aus ärztlicher Sicht war Julija Timoschenko während meiner Anwesenheit nicht in der Lage, an einem Prozess teilzunehmen", sagte der Neurologe. "Sie war nicht fähig, längere Zeit auf einem Stuhl zu sitzen. Auch der sitzende Transport in den Gerichtssaal wäre ein Problem gewesen", sagte Harms, der Timoschenko im Mai und Juni vor Ort medizinisch betreute.