Es ist nicht zu leugnen: Wir sind beunruhigt. Vor unseren Augen bricht ein neues Zeitalter an, und wir verstehen weder, was uns erwartet, noch die möglichen Entwicklungen. Zwar gibt es noch andere Beispiele, doch auch die sind nicht alle ermutigend. Andere Länder, etwa der Iran, die Türkei, Afghanistan oder Somalia, haben ebenfalls den Weg des Islamismus gewählt. Und dennoch ist die arabische Erfahrung einzigartig. Sie erschreckt uns, weil sie so gewaltig und so inkohärent ist.

Alle arabischen Länder sind geschlossen in den Islamismus abgeglitten, obschon wir während ihres mutigen Aufstands gegen die Diktatoren die Rufe nach Demokratie und Unterstützung durch die freie Welt weithin vernommen haben. Hat es uns am nötigen Urteilsvermögen gemangelt oder haben wir gar etwas Wichtiges verpasst? Tatsache ist: Die arabische Welt entzieht sich unserem Verständnis.

Der Islamismus hat eindeutig eine wichtige Partie für sich entschieden: Er beansprucht nun seinen Platz, er regiert Staaten, kontrolliert eine Bevölkerung von 350 Millionen Menschen – die in Europa lebenden Migranten und die afrikanischen Nachbarn, die er unter seinen Einfluss bringen kann, nicht mitgezählt. Er hat auch andernorts Brückenköpfe und besitzt die Legitimität der Wahlurnen, die ihm internationale Anerkennung einbringt.

Islamisten wollen ihre Moralvorstellungen durchsetzen

Sollte es ihm in Zukunft gelingen, diese Staaten in einer soliden islamistischen Union zu vereinen, die an die Stelle der lächerlichen Arabischen Liga tritt, wird er es weit bringen. Er könnte mit dem Gedanken spielen, das mythische Dar al-Islam, das Haus des Islam, wieder zu errichten, das einst die arabische Welt regierte.

Und Algerien? Algerien bremst und bleibt doch gleichzeitig Teil der Bewegung. Die Macht korrumpiert, betrügt, unterdrückt, terrorisiert, fördert den informellen Sektor und den kulturellen Rückschritt. Bei den Parlamentswahlen vom 10. Mai ist ihr ein weiteres Meisterstück geglückt, nämlich dafür zu sorgen, dass genau die Partei gewählt wird, die den Algeriern am meisten verhasst ist: die FLN, die frühere Einheitspartei, die ihr Land ausgeraubt und ihr Leben zerstört hat. Die als Favoriten gehandelten Islamisten haben am schlechtesten abgeschnitten. Sie beteuern, man habe ihnen wie 1991 den Sieg gestohlen. Ein weiterer Bürgerkrieg zeichne sich ab.

Was wissen wir von den Regierungsmethoden der Islamisten, die aus dem Arabischen Frühling hervorgegangen sind? Werden sie den Erwartungen des Volkes gerecht werden? Natürlich nicht – die einzige Wahl für einen Muslim ist der Islam. Und wenn die Demokratie ihn davon abhält, ist sie ein Verbrechen gegen den Islam. Auf der politischen Ebene werden sie der Tradition folgen, sie werden sich mit allen Mitteln an der Macht halten und nur innerhalb der Regeln des Islam einen Machtwechsel zulassen. Auf der wirtschaftlichen Ebene werden sie den informellen Sektor fördern, den sie bereits teilweise kontrollieren. Auf den Straßen werden sie die islamistischen Moralvorstellungen durchsetzen.