Millionen junge Ägypter gingen am 25. Januar 2011 auf die Straße und forderten den Sturz des Mubarak-Regimes. In allen Teilen des Landes. Die herrschende Partei verwehrte ihnen das Recht auf ein Leben in Würde. Die offiziellen Oppositionsparteien und die Muslimbrüder dagegen beteiligen sich zunächst nicht an den Protesten. Sie versuchten, durch Gespräche mit dem Regime die Lage zu beruhigen. Doch die Demonstranten blieben, bis Mubarak seinen Platz räumte.

Kein Zweifel: Die Revolutionäre stellen noch immer die einflussreichste Kraft in Ägypten! Immerhin gelang es ihnen in anderthalb Jahren, so viel Druck auszuüben, dass drei Regierungen in Folge zurücktraten – während das Parlament mit seiner traditionellen Mehrheit nicht eine Regierung zum Rücktritt zwingen konnte. Doch es fehlt diesem großen Block die Organisationserfahrung, mit der Folge, dass er politisch nicht gut vertreten ist.

Erinnern wir uns: Dieser Block entstand mehrheitlich aus ehemals illegalen Bewegungen, deren Legitimität auf Bürgernähe, der Forderung nach Veränderung und dem Beharren auf ihr Recht auf Organisation beruhte. Während der Jahre des Widerstands haben sie zwar Erfahrungen in der Kommunikation mit der Bevölkerung und deren Mobilisierung gesammelt. Was ihnen aber fehlt, ist die Fähigkeit, Wahlkämpfe zu organisieren.

Das kleinere Übel wählen

In letzter Zeit scheint es aber so, als eigneten sich die Revolutionäre diese Fähigkeit allmählich an. Dabei taugt der Ausgang der zweiten Runde bei den ägyptischen Präsidentschaftswahlen nicht als Maßstab, denn es wurde nicht für, sondern gegen etwas gestimmt. Diejenigen, die sich vor der Machtübernahme der Islamisten fürchteten, wählten den Kandidaten des alten Regimes. Und wer die Rückkehr des Mubarak-Regimes fürchtete, gab seine Stimme dem Kandidaten der Muslimbrüder, selbst wenn er ihn eigentlich hasste. Wähle das kleinere Übel, lautete die Devise.

Entscheidend ist vielmehr der Unterschied in den Stimmenverhältnissen bei der Parlamentswahl und der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen. Er zeigt, dass sich das Wahlverhalten der Ägypter stark verändert hat!

Sicher ist, dass die Mehrheit der Ägypter eine Rückkehr des Mubarak-Regimes nicht mehr akzeptieren würde, selbst wenn es im neuen Gewand daher käme. Alle Gallionsfiguren des alten Regimes haben bei den Wahlen Niederlagen hinnehmen müssen. Sie sind am Ende. Keine Ideologie wird sie je wieder zusammenführen. Mit dem Ende ihrer Herrschaft über den ägyptischen Staat löst sich auch das Interessengeflecht auf, das sie bisher zusammengehalten hat.

Übrig bleiben zwei zentrale Kräfte. Die eine sind die Muslimbrüder, die zusammen mit den Salafisten bei den Parlamentswahlen 83,97 Prozent der Stimmen erhielten. Nach fünf Monaten parlamentarischer Praxis bedienten sie sich im Präsidentschaftswahlkampf ihrer Wahlkampferfahrung – einige Beobachter sind der Ansicht, die Muslimbrüder seien nichts anderes als eine gigantische Wahlmaschine – und des islamistischen Bündnisses mit einem Großteil der Salafisten. Für ihren Wahlkampf setzten die Muslimbrüder Mittel ein, die vorsichtigen Schätzungen zufolge um das Zehn- bis Fünfzehnfache über der von der Obersten Wahlkommission festgesetzten Obergrenze lagen. Und trotzdem: Am Ende erhielten sie nur 24,8 Prozent der Stimmen. Die Muslimbrüder verloren in fünf Monaten – zwischen Parlaments- und Präsidentenwahlen – 27,4 Prozent!