Die syrischen Rebellen haben im Kampf um Aleppo nach eigenen Angaben wichtige Stellungen der Regierung angegriffen und zum Teil erobert. Die aufständischen Kämpfer hätten unter anderem das Militärgericht sowie ein Büro der Baath-Partei angegriffen. Zudem seien Polizeiwachen gestürmt worden. Dabei seien mindestens 40 Polizisten getötet worden.

Das Staatsfernsehen berichtete dagegen, die Armee gehe gegen "Terroristen" in der Stadt vor. Die aufständische Seite habe "enorme Verluste" hinnehmen müssen. Beide Seiten verstärkten am Dienstag ihre Truppen in Aleppo ; die "entscheidende Schlacht" werde noch "mehrere Wochen" dauern, hieß es aus der syrischen Regierung.

Der Kampf um Aleppo ist für beide Seiten von großer Bedeutung. Weder die Regierung noch die Rebellen können die Wirtschaftsmetropole aufgeben, wenn sie den seit fast eineinhalb Jahren tobenden Machtkampf gewinnen wollen. Sollten die Rebellen Aleppo komplett unter ihre Kontrolle bringen, hätten sie im Nordwesten des Landes eine sichere Basis mit Verbindung zur Türkei .

Rebellen militärisch unterlegen

Die Rebellen beherrschen nach eigener Aussage einen Bogen, der die Stadtviertel Aleppos im Osten und Südwesten umfasst. Für einen ihrer Kommandeure ist die angestrebte Besetzung des Stadtzentrums eine Frage "von Tagen, nicht von Wochen". Er widersprach vor allem der Darstellung des Regimes, dass Salaheddine eingenommen wurde. "Das Regime hat drei Tage lang versucht, Salaheddine zurückzuerobern. Es ist gescheitert, und dabei hat es schwere Verluste an Menschen, Waffen und Panzern erlitten", sagte Oberst Abdel-Dschabbar al-Okaida. Nachprüfen lassen sich die Äußerungen nicht, weil eine unabhängige Berichterstattung aus Syrien nur schwer möglich ist.

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Die mit Kalaschnikow-Sturmgewehren, Maschinengewehren und Granatwerfern bewaffneten Rebellen sind Assads Truppen eigentlich deutlich unterlegen. Die Regierungssoldaten können auf Kampfflugzeuge und -hubschrauber, Artillerie, Panzer und gepanzerte Fahrzeuge zurückgreifen. Die Aufständischen haben zwar einige Panzer und gepanzerte Fahrzeuge erobert, sie aber bislang noch nicht eingesetzt.

Hunderttausende Flüchtlinge

Vor den Kämpfen in Syrien sind seit März 2011 mehr als 276.000 Menschen ins Ausland geflüchtet. Die meisten von ihnen, mehr als 140.000, hätten im benachbarten Jordanien Zuflucht gefunden, teilte das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR mit. In der Türkei seien 70.000 Syrer angekommen, im Libanon 31.000. Auch andere Staaten der Region hätten Tausende Flüchtlinge gemeldet. Die Zahl steige ständig an.

Auch innerhalb Syriens sind den UNHCR-Angaben zufolge zahllose Menschen auf der Flucht . So sollen allein in den vergangenen Tagen mehr als 200.000 Menschen aus Aleppo geflohen seien.

Aktivist will Exilregierung bilden

Angesichts der Gewalt forderte die Europäische Kommission "humanitäre Kampfpausen". Dadurch solle ermöglicht werden, Verletzte und Zivilisten aus umkämpften Gebieten in Sicherheit zu bringen, sagte die EU-Kommissarin für humanitäre Hilfe, Kristalina Georgieva. "Die Situation in Syrien wird zunehmend zu einer humanitären Katastrophe, die schreckliche Erinnerungen an Ex-Jugoslawien weckt."

Die Opposition bemüht sich neben der militärischen Offensive auch um politische Fortschritte. Der bekannte Anwalt und Menschenrechtsaktivist Haitham al-Maleh wurde nach eigenen Angaben von einer Koalition von syrischen "Unabhängigen ohne politische Zugehörigkeit" mit der Bildung einer Exilregierung in Kairo beauftragt. Er werde nun Konsultationen mit der Opposition im In- und Ausland aufnehmen, sagte der 81-jährige konservative Muslim, der mehrere Jahre im syrischen Gefängnis saß.