Die Sängerin der Punkband Pussy Riot hat das Verfahren gegen sie und ihre Bandkollegen mit Prozessen der Stalin-Zeit verglichen. Nadeschda Tolokonnikowa sagte in ihrer Schlusserklärung, die Justiz handele nach einer "politischen Unterdrückungsanordnung". Zuvor hatte das Gericht die für Mittwoch erwartete Urteilsverkündung überraschend verschoben .

"Während des gesamten Verfahrens wurde uns nicht zugehört", beklagte die 22-jährige Tolokonnikowa aus einem Glaskasten heraus, in dem die Frauen im Gerichtssaal eingesperrt werden. Der Prozess sei vergleichbar mit den berüchtigten Schnellverfahren zur Zeit des sowjetischen Diktators Josef Stalin.

"Unser Platz ist in Freiheit und nicht hinter Gittern", sagte sie. "Pussy Riot sind die Schüler und Nachfahren der Dissidenten." Zudem sagte die Angeklagte den "Kollaps dieses politischen Systems" in Russland voraus.

Pussy-Riot-Anwältin warnt vor Diktatur

Tolokonnikowa sowie der 24-jährigen Maria Alechina und der 29-jährigen Jekaterina Samuzewitsch wird Rowdytum vorgeworfen. Sie waren im Februar in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale zum Altar gestürmt und hatten ein "Punk-Gebet" gerufen. Mit ihrem Auftritt kurz vor der Präsidentenwahl protestierten sie gegen Russlands heutigen Staatschef Wladimir Putin und kritisierten dessen Nähe zur mächtigen russisch-orthodoxen Kirche.

Auf Rowdytum stehen in Russland bis zu sieben Jahre Haft. Die Staatsanwaltschaft hatte am Dienstag jeweils drei Jahre gefordert und den Frauen auch "Anstachelung zu religiösem Hass" vorgeworfen. Die Verteidigung plädierte auf Freispruch. Am Mittwoch sagte Richterin Marina Syrowa, das Urteil werde am Nachmittag des 17. August verlesen.

Eine Anwältin der Angeklagten, Violetta Wolkowa, warnte vor Haftstrafen. "Das würde bedeuten, dass sich die Behörden für den Weg der Diktatur entschieden haben", sagte sie. Putin hatte sich vor Tagen indirekt für ein mildes Urteil ausgesprochen.

Politiker erwartet mildes Urteil

Ein ranghoher Duma-Abgeordneter rechnet der Zeitung Nesawisimaja Gaseta zufolge indes mit einer Strafe unterhalb des geforderten Strafmaßes , jedoch nicht mit einer sofortigen Freilassung. "Sonst würde sich ja die Frage stellen, weshalb sie überhaupt inhaftiert wurden", zitierte die Zeitung den nicht namentlich genannten Abgeordneten.

Der Prozess ist in Russland und im Ausland umstritten und gilt als politisch motiviert. Ein Sprecher der Bundesregierung sagte, der Prozess und das geforderte Strafmaß würden "mit Sorge betrachtet".

In einem Brief an den russischen Botschafter in Berlin , Wladimir Grinin, hatten bereits am Dienstag 121 Bundestagsabgeordnete aller Parteien Vorwürfe gegen die russische Justiz erhoben und die Strafandrohung als "drakonisch" bezeichnet.

Auch viele Künstler setzen sich für Pussy Riot ein. Nachdem bereits Popstar Madonna Freiheit für die Band verlangt hatte , forderte John Lennons Witwe Yoko Ono Putin auf, alles für die Freilassung der Frauen zu tun. "Herr Putin, Sie sind ein kluger Mann, Sie müssen nicht gegen Musiker und deren Freunde kämpfen", schrieb sie auf Twitter . "Lassen Sie in den Gefängnissen noch Platz für wahre Kriminelle."