Zwei Monate hat sich Riad Hidschab auf seine Flucht vorbereitet. So erzählt es nun zumindest der Sprecher des Mannes, der bis zum Montagmorgen Syriens Ministerpräsident war. Begonnen hat Hidschabs Absetzbewegung demnach, als Präsident Baschar al-Assad ihn vor einigen Wochen zwang, das Amt des Regierungschefs zu übernehmen. Hidschab, damals noch Landwirtschaftsminister, sei von Assad vor die Wahl gestellt worden: Ministerpräsident – oder Tod.

Hidschab dachte sich eine dritte Alternative aus: Er nahm den Posten an und begann, so sein Sprecher, seine Flucht aus Syrien zu planen. Am Montag war es so weit: Der Regierungschef setzte sich mit mindestens zehn Familienmitgliedern, angeblich zwei weiteren Ministern und hochrangigen Offizieren nach Jordanien ab. Noch am Vormittag versuchte das Regime, Hidschab zu diskreditieren. Er sei aus dem Amt entlassen worden, teilte eine staatliche Nachrichtenagentur mit. Laut Berichten in arabischen Medien versuchte die Armee derweil mit allen Mitteln, den Flüchtenden aufzuhalten: Kampfhubschrauber sollten seinem Konvoi kurz vor der Grenze auflauern.

Doch am Ende konnte Hidschabs Sprecher in Jordaniens Hauptstadt Amman eine Verlautbarung im Namen seines Chefs verlesen: "Ich verkünde hiermit mein Überlaufen von dem mörderischen Terrorregime und erkläre, dass ich mich zu den Reihen der Revolution der Freiheit und Ehre geselle. Von heute an bin ich ein Soldat dieser gesegneten Revolution."

Der Premier ist das bisher prominenteste Mitglied des Regimes, das sich von Assad abgewendet hat. Zuvor hatten ein Minister, rund 30 hochrangige Generäle, acht Diplomaten, vier Parlamentarier und Zehntausende einfache Soldaten die Seiten gewechselt. Hidschab rief die in Syrien verbleibenden Funktionäre dazu auf, es ihm nachzutun. Gleichzeitig warnte er, dass das Regime "noch mehr Menschen morden wird. Jeder, der das Desertieren erwägt, muss weise handeln, sich und seine Familie schützen."

Für Assad, der am 18. Juli durch einen Bombenanschlag in einem Regierungsgebäude in Damaskus vier seiner engen Vertrauten verlor, ist die Flucht Hidschabs vor allem ein Rückschlag im Informationskrieg , der in Syrien neben dem Bürgerkrieg stattfindet. In manchen Straßen Damaskus feierten Regimegegner die Nachricht; die Rebellen werden sie in den kommenden Tagen vermutlich propagandistisch ausschlachten.

Hidschab war kein Entscheidungsträger

Doch Hidschab gehörte nicht zu Assads innerem Zirkel. Seine Stellung war die eines hochrangigen Beamten, er war kein Entscheidungsträger. Seine Flucht ist deshalb nur ein kurzfristiger Propaganda-Erfolg für die Rebellen.

Tatsächlich wird Assads Machtapparat durch Hidschabs Abgang nicht merklich geschwächt. Armee und Geheimdienst funktionieren nach wie vor, sie sind die Garanten des syrischen Regimes. Auch weiterhin werden sie mit aller Härte gegen Rebellen und andere Regimegegner vorgehen: Die Kampagne werde fortgesetzt, um "das ganze Land vom terroristischen Abschaum" zu säubern, hieß es dann auch in staatlichen Medien.

Derweil wurde bekannt, dass Hidschab von Jordanien aus nach Katar weiterreisen will – angeblich, weil dort "die internationalen Medien ansässig sind", wie es sein  Sprecher ausdrückte. Gut möglich, dass Hidschab in Doha ganz anderes im Sinn hat: Das Scheichtum gilt als einer der Waffenlieferanten der Aufständischen.