An der jordanisch-syrischen Grenze hat es am späten Freitag Gefechte gegeben. Nach Angaben aus jordanischen Sicherheitskreisen eröffneten syrische Soldaten das Feuer auf eine Gruppe von etwa 500 Flüchtlingen. Die Jordanier schossen zurück, da sich die Flüchtlinge bereits in Jordanien befanden. Es habe einen etwa 30 Minuten dauernden heftigen Schusswechsel gegeben.

Unter den Flüchtlingen waren laut syrischen Aktivisten zahlreiche hochrangige Offiziere der Assad-Armee. Aus jordanischen Sicherheitskreisen gab es keine Informationen über die Identität der Flüchtlinge. Einige der Ankommenden hätten jedoch eine Vorzugsbehandlung erhalten. Sie seien an einen geheimen Ort gebracht worden, an dem syrische Deserteure beherbergt würden. Auf jordanischer Seite sei niemand verletzt worden.

Die Auseinandersetzungen fand in der Region Tel Schihab-Turra statt. Es ist der bislang schwerste Vorfall an der Grenze seit Beginn des Aufstandes gegen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad vor 17 Monaten. Er verstärkte erneut die Sorge vor einer Ausweitung des Konflikts auf die Nachbarländer. Im Juni hatte die syrische Luftabwehr einen türkischen Militärjet abgeschossen , zudem hatten Assads Truppen auf libanesische Dörfer gefeuert. Seit Beginn des Aufstandes haben nach Angaben der Vereinten Nationen 1,5 Millionen offiziell registrierte Flüchtlinge Schutz in der Türkei, Jordanien, im Libanon oder im Irak gesucht .

Die Vereinten Nationen suchen derweil noch immer nach einem Nachfolger für ihren gescheiterten Syrien-Gesandten Kofi Annan . Als Favorit gilt der Krisenexperte Lakhdar Brahimi . Der 78-jährige ehemalige algerische Außenminister habe "gute Chancen", zum neuen Syrien-Gesandten der UN und der Arabischen Liga ernannt zu werden, sagte ein westlicher Diplomat in Beirut . Ähnliches war auch von Diplomaten in New York zu hören. Brahimi hat Erfahrungen als UN-Sondergesandter unter anderem in Afghanistan und im Irak . Annan hatte wegen der mangelnden Friedensbereitschaft der Konfliktparteien und der Uneinigkeit der Vetomächte im Sicherheitsrat vor einer Woche das Handtuch geworfen. "Wir wünschen uns einen starken Nachfolger für Kofi Annan", sagte Bundesaußenminister Guido Westerwelle. Die exzessive Gewalt in Syrien erfordere "dringend den Einstieg in einen politischen Prozess".

BND-Chef sieht baldiges Ende der Assad-Herrschaft

US-Außenministerin Hillary Clinton will am Samstag bei einem Besuch in der Türkei über den Konflikt beraten. Clinton werde darüber mit syrischen Oppositionellen sowie mit dem türkischen Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan und Präsident Abdullah Gül sprechen, teilte das US-Außenministerium mit. Die USA versorgen die Rebellen unter anderem mit Satellitenbildern und Kommunikationstechnik. Clinton will in Istanbul von syrischen Aktivisten "Erfahrungen aus erster Hand" erhalten. Sie werde Frauen, Studenten und Blogger treffen, aber keine bewaffneten Kämpfer. Clinton wolle erfahren, wie die US-Hilfe wirke und ob Washington mehr tun könne. Daneben setzen die USA auf Sanktionen gegen Syrien. Am Freitag nahm das US-Finanzministerium die staatlichen syrischen Ölkonzerne auf seine Schwarze Liste, weil sie Treibstoff an den Iran geliefert haben sollen. Zudem wurde US-Bürgern verboten, mit der Hisbollah im Libanon Geschäfte zu treiben, weil diese Assad unterstütze.

Nach Angaben der örtlichen Koordinationskomitees wurden am Freitag in Syrien 180 Menschen getötet, davon 75 in Aleppo . Dort tötete eine Granate vor einer Bäckerei mindestens elf Menschen. Die Menschen hätten sich wenige Stunden vor dem Fastenbrechen im Ramadan um Brot angestellt, sagte ein Aktivist. Ein weiteres Geschoss traf die mittelalterliche Zitadelle im Zentrum der umkämpften nordsyrischen Großstadt. Das Eingangstor sei beschädigt worden, teilte der oppositionelle Syrische Nationalrat mit. Von unabhängiger Seite konnten diese Berichte nicht bestätigt werden. Wer die Granaten abfeuerte, war unklar.

Nach Einschätzung des Bundesnachrichtendienstes ( BND ) sind die Tage der Assad-Herrschaft möglicherweise bald gezählt. "Es gibt viele Anhaltspunkte dafür, dass die Endphase des Regimes begonnen hat", sagte BND-Chef Gerhard Schindler. Assads Armee habe rund 50.000 ihrer einst 320.000 Soldaten verloren. Darunter seien viele Verwundete, Deserteure und 2.000 bis 3.000 Überläufer zur Opposition. "Die Erosion des Militärs hält an." Die kleinen und regional verankerten Rebellengruppen zermürbten demnach mit ihrer Guerillataktik zunehmend die Armee.