In den vergangen 14 Monaten habe ich Syrien immer wieder bereist und mit vielen Leuten dort gesprochen . Flüchtlingen, Rebellen, Regierungsanhängern, Christen, Alawiten und Sunniten. Zugang zur Regierungsseite hatte ich, wie viele andere Journalisten, nicht. Die Assad-Regierung hat nur sehr restriktiv Journalistenvisa vergeben. Und wer ein Mal illegal ins Land gereist ist, dem ist der legale Weg versperrt. Daher ist es in Syrien extrem schwer, ein objektives Bild der Situation zu bekommen, noch schwieriger abschließende Urteile zu fällen.

Das große Bild sieht ungefähr so aus: Die Regierung hat auf anfangs größtenteils friedliche Proteste mit unverhältnismäßiger Gewalt reagiert. Langsam haben sich die Oppositionellen bewaffnet und schließlich eine schlagkräftige Rebellenarmee gebildet. Sie geht teils skrupellos gegen die staatlichen Sicherheitskräfte und deren vermeintliche Kollaborateure vor. Das Regime schlägt im verzweifelten Kampf um das eigene Fortbestehen immer brutaler zurück und nimmt dabei wenig Rücksicht auf Zivilisten, die zwischen die Fronten geraten sind. Einige Minderheiten – vor allem Alawiten, zu denen auch Präsident Baschar al-Assad und seine engsten Vertrauten gehören – machen ihr Schicksal vom Überleben des Regimes abhängig. Ethnische und religiöse Gräben sind im Laufe des Konfliktes tiefer geworden.

Es ist nicht alles schwarz oder weiß in Syrien, vieles ist unklar. Doch wie in jedem Krieg werden Gerüchte als Fakten verkauft, beide Seiten kämpfen eben auch an der Medienfront . Was wissen wir über den Syrien-Krieg, was nicht? Im Folgenden sollen einige Punkte aufgeführt werden, mit denen die Kriegsparteien Propaganda machen:

Ausländische Verschwörungen

Syrien ist geostrategisch enorm wichtig. Für den Iran ist die Assad-Regierung einer der wenigen Verbündeten in der arabischen Welt. Das gleiche gilt für Russland . Für die USA würde das Ende Assads dagegen eine Schwächung des vermeintlich großen Feindes Iran bedeuten. Die Türkei und die Golfstaaten stehen der Opposition nahe – sie alle sind sunnitisch dominiert. Israels Verhältnis zu Syrien ist komplex. Auf der einen Seite steht die syrische Regierung Iran und der Terrororganisation Hisbollah nahe – beides Erzfeinde Israels –, und Assad hat Israel immer wieder gedroht die israelisch besetzten Golanhöhen zurückzuerobern. Auf der anderen Seite fürchtet sich Israel vor einem weiteren muslimischen Gottesstaat in der Nachbarschaft. Dementsprechend macht das Assad-Lager Israel für die Gewalt im Land verantwortlich und die Opposition Israel dafür, dass der Westen nicht eingreift. Natürlich haben all diese Länder Interesse daran, den Konflikt in ihrem Sinne zu lenken und in Abstufungen machen sie es auch. Das sollte aber nicht zu dem Schluss führen, dass der Aufstand Resultat einer ausländischen Verschwörung war. Vielmehr waren die Demonstrationen, mit denen der Aufstand vor mehr als einem Jahr begann, inspiriert durch die Ereignisse in Tunesien und Ägypten , wie uns auch Aktivisten damals erklärt haben .

Al-Kaida

Laut amerikanischen Geheimdiensten sollen bis zu 1.500 Al-Kaida-Kader in Syrien kämpfen – gemeint sind damit Syrer, die aus dem Irak in ihr Heimatland zurückgekehrt sind sowie ausländische Kämpfer. Es gib tatsächlich Kämpfer in Aleppo , die sich als Mitglieder der Terroroganisation bezeichnen . Allerdings ist das kein Beweis, dass Al-Kaida als Organisation in den Konflikt in Syrien signifikant eingreift und ihn in ihrem Sinne lenken kann. Die Führung im Irak um Ayman Zawahiri, hat zwar zur Unterstützung der Rebellen aufgerufen, aber darüber hinaus gingen seine Aussagen nicht. Die meisten Rebellen, selbst aus radikalislamischen Gruppierungen, distanzieren sich von Al-Kaida.

Ausländische Kämpfer

Von Beginn an war es die Linie der Regimepropaganda, dass der Aufstand nicht aus Syrien selbst komme: Ausländische Terroristen würden die Gewalt nach Syrien bringen, das Regime verteidige das eigene Volk. Die Kämpfer der Opposition seien zum großen Teil Ausländer. Tatsächlich gibt es in Syrien ausländische Dschihadisten, etwa Pakistani, Libyer und Marokkaner. Das aber ist eine neue Entwicklung, erst seit diesem Jahr treffen wir Journalisten zunehmend auf sie. Der weit größte Teil der Opposition sind Syrer, der Aufstand nahm im Land selber seinen Ursprung. Die tatsächliche Zahl ausländischer Glaubenskämpfer dürfte im niedrigen einstelligen Prozentbereich liegen. Immer wieder heißt es auch, auf Seiten des syrischen Regimes kämpften iranische Milizen. Das aber sind bislang unbestätigte Gerüchte. Bekannt ist aber, dass der Iran syrische Milizen trainiert.