Holmes: Sollte China die führende Militärmacht im West-Pazifik werden, stünden traditionelle Verbündete der USA wie Japan und Australien vor einem Dilemma. Sie würden dann möglicherweise eine größere strategische Last im Rahmen der bestehenden Allianz auf sich nehmen, in der Hoffnung, damit die US-Militärmacht in der Region zu festigen. Sie könnten sich als Gegengewicht zu China stärker bewaffnen und vielleicht auch separate Allianzen in Asien eingehen.

Oder aber sie würden versuchen, mit China eine Art Schutzpakt auszuhandeln. Sollte der Fall eintreten, kämen andere regionale Mächte in eine schwierige Lage. Zwar ist China nicht das Russland Stalins. Trotzdem ist die Volksrepublik kein liberaldemokratischer Staat, der bereit ist, die eigene Politik zu modifizieren, um den Nachbarländern entgegenzukommen.

ZEIT ONLINE: Während ihres jüngsten Besuches in China sprach US-Außenministerin Hillary Clinton mit ihrem chinesischen Amtskollegen Yang Jiechi über die militärischen Spannungen im Chinesischen Meer. Wie sollten sich die USA in einer Konfliktsituation verhalten?

Holmes: Ich hoffe, dass die USA weiterhin die militärischen Kapazitäten haben werden, um die führende Macht in der Region zu sein. Ich glaube, dass das System, welches nach 1945 errichtet wurde, erhebliche Vorteile für die ganze Region hatte, nicht zuletzt für China. Die Frage der Inselstreitigkeiten ist heikel. Es sieht so aus, als ob die US-Regierung weiterhin einige Gebiete so verteidigen wird, als wären sie Teil der USA.

So hat zum Beispiel die Obama-Regierung bestätigt, dass es die Pflicht der USA ist, die Senkaku-Inseln aufgrund des Vertrages über gegenseitige Kooperation und Sicherheit zwischen Japan und den USA zu verteidigen. Es ist aber klar, dass unsere Marine nie die Möglichkeiten haben wird, in den Seegebieten um die Philippinen beispielsweise so zu patrouillieren, wie sie es während des Kalten Krieges mit den Interessensgebieten unserer Alliierten gemacht hat.