Handshake: Ein Plakat in Gaza-Stadt mit dem ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi (r.) und Ismail Hanija, dem Hamas-Führer im Gaza-Streifen.© MOHAMMED ABED/AFP/GettyImages

Dank des Arabischen Frühlings steht die im Gaza-Streifen herrschende Hamas-Bewegung heute vor wegweisenden Entscheidungen. Erste strategische Veränderungen hat es bereits gegeben: Die Hamas-Zentrale im syrischen Damaskus wurde aufgegeben – auf Kosten des guten Verhältnisses zu ihrem eigentlich größten Unterstützer, dem Iran. Stattdessen werden nun die Beziehungen zu amerikanischen Verbündeten wie Ägypten, Katar und der Türkei verbessert. Doch welcher Seite sich Hamas im derzeit eskalierenden regionalen Wettstreit anschließt, welche Allianzen sie eingeht, wird in der Bewegung nicht beantwortet. Sie ist in der zentralen Frage, wie sie mit den Veränderungen umgehen soll, gespalten.

Führende Persönlichkeiten im Westjordanland und im Exil sind der Meinung, es sei an der Zeit, einen mutigeren Schritt Richtung palästinensischer Einheit mit der konkurrierenden Fatah zu gehen. Dies vor allem angesichts des Aufstiegs der Muslimbrüder in Ägypten und der Annäherung des Westens an die Islamisten. Die Führungselite in Gaza hingegen steht angesichts der ungewissen politischen Zukunft der Region strategischen Veränderungen misstrauisch gegenüber.

Wie sehr der Arabische Frühling die Lage der Hamas verändert hat, zeigt die Ausgangslage. Bis zum Ausbruch der Revolten verharrte die Bewegung in Stagnation und diplomatischer Isolation. Die Islamisten sahen sich von Israel und Ägypten ökonomisch eingekreist, erdrückt von den Sicherheitskräften Jerusalems und der palästinensischen Autonomiebehörde. Und nur mit Mühe war man im Gaza-Streifen in der Lage, wegen einiger schwer kontrollierbarer Militanter den Waffenstillstand mit dem übermächtigen Gegner Israel aufrechtzuerhalten.

Hamas' Popularität nimmt ab

Unfähig, den Forderungen des Volkes nach einer Aussöhnung mit der Fatah nachzukommen, verstrickte sich die Hamas-Führung in Widersprüche. Sie wollte eine islamistische Bewegung sein, doch ihr Regierungshandeln war säkular; gleichzeitig bezeichnete man sich als anti-israelische Widerstandsbewegung, doch die von Gaza ausgehenden Angriffe auf Israel wurden verurteilt. Seit den palästinensischen Wahlen von 2006 nimmt Hamas' Popularität zudem ab. Dabei verlor sie eine zwar kleine, doch bedeutsame militante Anhängerschaft. Diese schloss sich Gruppierungen an, die sich stärker an der Einhaltung islamistischer Vorschriften orientieren und auch regelmäßig Raketen Richtung Israel schießen. Der einzige Trost war, dass es der Fatah im Westjordanland auch nicht besser ging.

Der Aufstand in der arabischen Welt schien dies jedoch ändern. Während Ägyptens Ex-Präsident Hosni Mubarak noch ein Verbündeter der Fatah war, sind die heute in Kairo regierenden Muslimbrüder nicht nur Verbündete der Hamas, sondern auch ihre eigentliche Mutterorganisation. Eine positive Entwicklung also für die Bewegung, erkennbar als erstes daran, dass Beschränkungen am Gaza-Sinai-Übergang in Rafah gelockert wurden. Dessen Kontrolle nutzte das Mubarak-Regime noch als Druckmittel, um die Hamas-Führung in Gaza auszuzehren.

In der ganzen Region nahm zuletzt in Folge der Aufstände der Einfluss islamistischer Parteien erheblich zu. Die Hamas sieht das als Bestätigung ihrer politischen Ziele. Sie erhofft sich daraus eine Stärkung ihrer Position gegenüber der Fatah und Israel sowie das Ende der diplomatischen Isolation. Dennoch haben die Veränderungen in der Region auch ihren Preis.