Diese Woche wurde ich ins chinesische Staatsfernsehen eingeladen, ins Kulturprogramm. Man brauche dringend "einen Deutschen". Ich freute mich über den Einsatz. Bis ich erfuhr, dass man nur nach schnellem Ersatz für einen Japaner gesucht hatte. Alle Japaner werden derzeit ausgeladen, alle Japan-Themen gestrichen.

"Aber ich habe Familie in Tokio", sagte ich dem Programmdirektor. "Das erwähnen Sie nicht, sie reden jetzt von Berlin." Wie schön, dachte ich. Ich bin lebenslänglicher Westfale.

Die Situation der Japaner in Peking lässt mir keine Ruhe. In meinem Wohnheim gibt es ein Café, da sitzen die Japaner unter sich, am Tag und am Abend. Das japanische Konsulat warnt derzeit alle Japaner in Peking davor, auf die Straße zu gehen.

Viele chinesisch-japanische Treffen wurden abgesagt. Die Firmen Toyota, Honda und Canon wurden Opfer von Brandanschlägen. Uniqlo- und 7-Eleven-Läden sind geschlossen oder hängen zum Schutz chinesische Parolen ins Schaufenster. Der chinesische Tourismus nach Japan bricht ein.

Nicht alle sind unglücklich. In den deutschen Konzernen machen sie jetzt Überstunden. Wenn Japan seine Marktanteile in China verliert, könnten die bald schon in deutsche Hand fallen.

Am Morgen nach meinem Fernsehauftritt wollte ich ein Paket verschicken – an meine Tochter in Japan. "Dongjing!" (deutsch: Tokio!) schrie der Paketbeamte im Postamt der Universität Peking. Dann wollte er alles genau wissen. Das Spielzeug, eine Supermarktkasse für Kinder, darf nicht mit, da müsse ich erst eine Genehmigung einholen. Könnte Betriebsspionage sein. Trockennudeln gehen auch nicht. Ich packte alles wieder ein.

Als ich Mittagessen gehen wollte, konnte ich kein Teriyaki-Huhn bestellen. Heute ausverkauft, meinte die Bedienung. Um 11 Uhr am Vormittag? Wie das? Von wem? Von den vielen Japanfreunden?

Am Nachmittag gab es auf dem Sportplatz der Universität Peking einen Protestmarsch gegen Japan. Und für ein stärkeres China. Ein China, das sich nicht länger Inseln klauen lässt.

Baidu, die Internetsuchmaschine, hatte die Diaoyu-Inseln im Logo – mit der animierten Nationalflagge. Die Zeitungen überschlagen sich mit anti-japanischen Parolen. In der China Daily drohte ein Gastkommentator mit Aufrüstung, Rüberfahren, Abknallen.

Das Abendfernsehen: eine Talksendung mit Analysen, warum die Japaner so rechts sind, so unüberlegt handeln, so amerikanisch sind. Jeder Chinese weiß, warum die Japaner die Inseln besetzen. Die Amerikaner platzieren ihre Kriegsschiffe und Raketen im Pazifik und wollen damit China den Zugang zum Meer versperren.

Der Geschichtsprofessor auf CCTV Eins kramt eine japanische Seekarte aus der letzten Dynastie hervor und tippt nervös mit dem Zeigefinger auf die blaue See. "Sehen Sie da!" Die Journalistin beugt sich vor und erwidert: "Da ist nichts." – "Eben", sagt der Professor, "da ist nichts, also kannte Japan die Inseln damals gar nicht. Und jetzt sehen Sie sich mal diese chinesische Karte an …"

Fernseher aus. Ich brauchte frische Luft. Einen Spaziergang. Es war kalt und schon Mitternacht, und die Japaner vom Morgen saßen immer noch im Café des Wohnheims.