Tausende russische Regierungsgegner haben in Moskau an einem Protestmarsch gegen Kremlchef Wladimir Putin teilgenommen. Die Oppositionellen formierten sich in Blöcken für den "Marsch der Millionen", zu dem die Behörden 25.000 Menschen zugelassen hatten. Die Veranstalter hatten eine Demonstration von 50.000 Teilnehmern beantragt. Die Polizei sprach anschließend von 14.000, ein Oppositionsführer hingegen von bis zu 150.000 Teilnehmern. Es war die erste Großkundgebung der Regierungsgegner seit drei Monaten .

In lauten Sprechchören forderte die Menschenmenge immer wieder " Russland ohne Putin". Die Demonstrationen richten sich gegen die Unterdrückung der Opposition. Der "Marsch der Millionen" fordere soziale und politische Reformen sowie Fernsehzeit für Regierungsgegner, sagte Sergej Udalzow, einer der Oppositionsführer. Ziel sei, die Macht des Präsidenten zu beschränken und freie Wahlen vorzubereiten.

Oppositionsführer Alexander Nawalny rief die Demonstranten auf, sich auf einen langen Kampf einzustellen und sich regelmäßig an Protesten zu beteiligen, als ob sie zur Arbeit gingen. "Alles was wir wollen, ist ganz einfach Freiheit, nichts weiter als Gleichheit und Menschenwürde", rief er unter dem Beifall der Menge.

Verletzung religiöser Gefühle als Verbrechen

Auf großen bunten Ballons forderten Teilnehmer zudem die Freilassung der regierungskritischen Musikerinnen der Band Pussy Riot. Sie hatten im Februar in einer Moskauer Kathedrale ein sogenanntes Punk-Gebet gegen Putin aufgeführt. Verurteilt wurden sie letztlich wegen "Rowdytums" und "Aufstachelung zum religiösen Hass".

Russland will künftig wieder "die Beleidigung religiöser Gefühle" als Verbrechen bestrafen. Abgeordnete hätten einen entsprechenden Gesetzesentwurf in die Staatsduma eingebracht, berichtete die Zeitung Moskowski Komsomolez ; das Gesetz werde vermutlich Haft von mehr als einem Jahr vorsehen. Der Tatbestand war 1997 abgeschafft worden. Rechtsexperten hatten im Zuge des Urteils gegen drei Mitglieder von Pussy Riot auf eine Gesetzeslücke hingewiesen.

Parlamentsausschluss von Putin-Gegner

Verstärkt wurde der Protest durch den einen Tag zuvor erfolgten Ausschluss des prominenten Putin-Kritikers Gennadi Gudkow aus dem russischen Parlament . Parlamentschef Sergej Naryschkin hatte den Erlass über die Aberkennung von Gudkows Mandat unterzeichnet. Dies hatte das von der Regierungspartei Geeintes Russland dominierte Parlament am Vortag beschlossen – offizieller Grund waren illegale Nebenverdienste des Abgeordneten. Gudkow warnte die Staatsführung in einer Rede vor den Demonstranten, ohne Reformen würden sie am Ende "entweder in Blut waten oder gestürzt werden".

Erstmals wollte auch die Kommunistische Partei , die größte Oppositionspartei, an dem Protest teilnehmen. Seit der von Fälschungsvorwürfen überschatteten Parlamentswahl im Dezember 2011 hat die Opposition in Russland mehrere große Kundgebungen mit Zehntausenden Teilnehmern organisiert.

Proteste auch in anderen Städten

Auch in weiteren russischen Städten gab es am Samstag Kreml-kritische Demonstrationen. In Sankt Petersburg protestierten rund 2.500 Menschen, in Jekaterinburg im Ural gingen bis zu 800 Menschen auf die Straße. Eine Demonstration in Wladiwostok vereinte nach Angaben von Polizei und Organisatoren lediglich ein paar Dutzend Menschen.

Der Kreml zeigte sich betont unbeeindruckt von den Protesten. "Wladimir Wladimirowitsch hatte einen vollen Arbeitstag", sagte ein Sprecher. "Leider hatten wir keine Gelegenheit, die Veranstaltung zu beobachten."

Auf dem Liveblog von Russia Today lässt sich der Ablauf der Proteste nachlesen.