Sieben Wochen vor der Präsidentschaftswahl in den USA stehen die Republikaner nicht gut da. In den Umfragen hat ihr Kandidat Mitt Romney gegenüber dem Amtsinhaber an Boden verloren. Mit groben Patzern hat er seine Chancen auf den Einzug ins Weiße Haus weiter geschmälert. Ob ihm ein substanzielles Comeback gelingt, ist fraglich. Doch der größte Gegner für die Partei ist längst nicht mehr Barack Obama. Sie muss gegen einen Trend ankämpfen, der weit über die Entscheidung im November hinausgeht: Ihre Basis bricht weg.

Ein Blick auf die einzelnen Bundesstaaten verdeutlicht den Kern des Problems für Romney und Ryan: Jeder Staat vergibt im November die Gesamtheit seiner Wahlmänner für den einen oder anderen Kandidaten, egal ob die Bevölkerung mit einer Stimme Mehrheit entschieden hat oder mit einer Million.

Demnach lohnt sich etwa für die Republikaner in Kalifornien kein nationaler Wahlkampf, weil Obama dort allen Umfragen zufolge deutlich führt. Die Demokraten hingegen sparen sich jegliches Engagement in Texas – der letzte Demokrat, der dort gewinnen konnte, war 1976 Jimmy Carter. Sollten diese sogenannten Safe States wie erwartet abstimmen – und davon ist auszugehen –, hat Obama bereits rund 250 der benötigten 270 Stimmen in der Tasche, während Romney gerade einmal auf etwa 190 kommt.

Entscheidend sind demnach nur die Swing States – Staaten mit häufig wechselnden Wählermehrheiten –, die alle vier Jahre Austragungsort der heftigsten Auseinandersetzungen zwischen beiden Parteien sind. Nachdem sich zuletzt in Pennsylvania und Michigan mehr oder weniger klare Mehrheiten für Obama abzeichneten, konzentrieren sich die Republikaner – gut erkennbar an den Werbeausgaben – auf die verbleibenden acht Staaten: Colorado, Iowa, Nevada, New Hampshire, Wisconsin, Ohio, Virginia und Florida.

Seit Reagan wählte nur noch einmal die Mehrheit Republikaner

Dort kann sich Romney kaum mehr eine Niederlage erlauben. Doch die Vorzeichen sind alles andere als positiv. In Virginia beispielsweise, mit 13 Wahlmännern ein wichtiger Staat für beide Kandidaten, gräbt der konservative Gegenkandidat Virgil Goode Romney am rechten Rand Stimmen ab. Und in Ohio, für viele Beobachter das Zünglein an der Waage, geht es der Wirtschaft deutlich besser als im Rest des Landes – nicht zuletzt, weil sich Obama entscheidend für die Automobilindustrie einsetzte, an der in Ohio Hunderttausende Arbeitsplätze hängen. Der Statistiker Nate Silver, der schon 2008 mit präzisen Prognosen beeindruckte, schätzt Obamas Chancen, in Ohio zu gewinnen, auf etwa 75 Prozent und sieht den Amtsinhaber auch in fast allen anderen Swing States mehr oder weniger deutlich vorn.

Doch dieser Zwischenstand ist mehr als nur eine Momentaufnahme. Dahinter steckt vielmehr ein Trend, der schon in den neunziger Jahren einsetzte: eine massive Abwanderung der amerikanischen Wählerschaft weg von den Republikanern. Eine Untersuchung des konservativen Pew-Instituts ergab, dass die Zahl der treuen Anhänger der Partei seit 1990 von 31 Prozent auf heute gerade einmal 24 Prozent der Wähler geschrumpft ist. Die Werte der Demokraten blieben derweil konstant (1990: 33 Prozent, 2012: 32 Prozent). Das Resultat: Die Partei von Ronald Reagan hat seit 1988 nur bei einer der vergangenen fünf Präsidentschaftswahlen (2004) die Mehrheit der Wählerstimmen bekommen.

Ideologisierung der Partei rüttelt an ihrem Fundament

Auch die Zwischenwahl 2010 bestätigte diesen Trend – allerdings erst auf den zweiten Blick. Sicherlich waren die Ergebnisse ein herber Rückschlag für die Demokraten, deswegen aber noch lange kein Erfolg für die Republikaner. Die Wahlbeteiligung war traditionell niedrig (40.7 Prozent), wobei vor allem Obama-Wähler zu Hause blieben. "Zudem war die Wählerschaft 2010 älter, auffallend weiß und angetrieben von den Verbündeten der Tea Party", schreibt der emeritierte Politik-Professor James Hacker.

Zwar kippten die Konservativen so die demokratische Mehrheit im Kongress, allerdings auf Kosten moderater (und kompromissbereiter) Abgeordneter und Senatoren. Und: Mit einem Programm, das deutlich von der populistischen Tea-Party-Bewegung beeinflusst ist, die den Einfluss Washingtons auf ein Minimum reduzieren und die Rechte von Frauen, Immigranten und Homosexuellen beschneiden will, lässt sich im November keine Mehrheit gewinnen. Ganz im Gegenteil, denn sie motiviert die linke Gegenbewegung, die vermutlich auch dieses Jahr wieder für Obama an die Wahlurnen strömen wird.

Das liegt nicht allein am viel beschworenen demografischen Wandel oder der Anziehungskraft der Demokraten auf Afro-Amerikaner und Latinos. Vielmehr steckt dahinter eine ideologische Entfremdung der verschiedenen Gruppierungen, die bis dato das Fundament der Republikaner bildeten. Statt Kernwähler und Sympathisanten aus der Mitte um ein schlüssiges, wirtschaftspolitisches Programm zu vereinen, verrennt sich die Partei in negative Plattitüden und ergibt sich den extremistischen Forderungen des rechten Randes: Soziale Absicherung? Gewerkschaften? Umweltschutz? Eine landesweite Gesundheitsversorgung? Vor zwanzig Jahren waren viele Republikaner noch bereit, über solche Themen zu diskutieren. Heute kann jeder Abgeordnete mit seiner direkten Abwahl rechnen, wenn er sich hier kompromissbereit gibt.

Image einer Partei der Reichen und Superreichen

Diese Ideologisierung der Partei ist ein Grund, warum sich immer weniger Amerikaner eindeutig zu den Republikanern bekennen. Zwar sind längst nicht alle Abwanderer unmittelbar zu den Demokraten übergelaufen, Studien wie die des Pew-Instituts ergaben allerdings, dass heute viele unabhängige Wähler der Partei Obamas näher stehen – besonders bei aktuellen Themen wie Abtreibung, Militär- und Außenpolitik oder bei der Suche nach den Gründen für die Finanzkrise.

Die Republikaner gelten nach wie vor als eine Partei der Reichen und Superreichen. In einem Land, in dem immer mehr Menschen Angst vor Armut und Arbeitslosigkeit haben, kann das keine gute Ausgangsposition sein. Die Vorschläge von Romney und Ryan erinnern derweil zu stark an die Ära George W. Bushs: weniger Steuern, weniger Regulierung, mehr Militärausgaben. Im Budgetentwurf von Paul Ryan, dem Wirtschaftswunderkind der Republikaner, geht es zudem der Altersvorsorge Medicare und dem Sozialversicherungssystem an den Kragen. Im Swing State Florida, wohin sich viele Ruheständler zurückziehen, nehmen Obamas Wahlkämpfer solche Vorlagen dankend auf.

Auch vier Jahre nach Bush stecken die Republikaner deshalb in einer tiefen Krise. Während Präsident Obama bei Wahlkampfauftritten schon jetzt viele unabhängige Wähler überzeugt, gelingt es seinem Gegenüber Romney nicht einmal, die zweifelnde Basis zu motivieren. Böse Zungen behaupten gar, man bereite sich im Lager der Konservativen bereits auf die Wahl in vier Jahren vor. Doch wenn sich die Republikaner bis dahin nicht einer grundlegenden Modernisierung verschreiben und sich endlich überzeugend auch für Immigranten, Afro-Amerikaner und die Werte des 21. Jahrhunderts öffnen, besonders für die Gleichberechtigung von Frauen und Homosexuellen, riskieren sie auch 2016 eine Niederlage. Dann könnte zudem, so munkelt man, auf Seiten der Demokraten bereits das nächste politische Schwergewicht warten: Hillary Rodham Clinton.