Keine Angst vor Amerikas Patrioten – Seite 1

Man sah es in der vergangenen Woche bei der Republican National Convention , wo Mitt Romney als Präsidentschaftskandidat nominiert wurde. Und man wird es wieder diese Woche auf der Democratic National Convention erleben, wo Barack Obama offiziell zum Kandidaten gekürt wird.

Zusammengerechnet kosten beide Events 136 Millionen Dollar (100 Millionen für Sicherheitsdienste und weitere 36 für Plakate, Ballons und den ganzen Kram, den man zu Hause gleich wieder wegschmeißt) – alles finanziert aus Steuergeldern. Dabei sind beide Veranstaltungen überflüssig, denn die Kandidaten stehen schon lange fest.

Alles Show also: die übergroße Bühne, die gigantische Videoleinwand, die übertriebenen Gesten, die pathetischen Reden, das Fahnenmeer, der Ballonhimmel, überall Rot-weiß-blau und vor allem der ohrenbetäubende, sinnlose Jubel.

Egal, wir Amis lieben Show, ob in der Politik oder in … naja, in Shows halt. Doch unser Patriotismus kommt von Herzen. Lachen Sie nicht: Wir lieben unser Land. In Umfragen geben immer wieder selbst Arme und Minderheiten an, dass sie an den amerikanischen Traum glauben, dass sie stolz auf ihr Land sind und dass sie ihre Heimat lieben – und das oft bei gleichzeitiger Kritik an den derzeitigen politischen Zuständen.

Die Verfassung ist wie eine Bibel

Zuweilen gleicht unser Patriotismus religiösem Fanatismus: Unsere Veranstaltungen sind so emotionsgeladen wie (gute) Gottesdienste, wir glauben an die Verfassung wie an die Bibel, und die Amtseinführung des Präsidenten steht der des Papstes in nichts nach.

All das brachte den Soziologen Robert Bellah 1967 dazu, die amerikanische Demokratie als eine "Zivilreligion" zu beschreiben. Er meinte, die Amerikaner hätten ihre tief verwurzelte Religiosität einfach auf ihr Land übertragen: Wir glauben tatsächlich an unsere Nation.

Es gibt einen Grund dafür. Amerikaner haben mehr als andere Völker das Gefühl, dass das Land ihnen "gehört". Es ist schwer vorstellbar, dass ein deutscher Liedermacher ein Lied über sein Land schreiben würde, in dem es heißt, " This land is your land, this land is my land ", wie Woody Guthrie 1940 in seinem beliebten Protestsong. Das ist eine ganz andere Aussage als "Wir sind das Volk".

Der Einzelne gegen Korruption und Aliens

Das ging nicht nur den Gründervätern so, sondern auch den Millionen von Einwanderern aus Europa , die ihnen folgten. Amerika war für sie nicht bloß eine adelsfreie Zone. Es war auch ein junger, noch ungeformter Staat, an dem jeder mitbasteln durfte.

Und musste. Die Idee, dass jeder Einzelne Verantwortung für den Aufbau des Staates trägt, sitzt tief. Man sieht es selbst in unserer Popkultur: In jedem dritten Hollywood-Film bekommt ein ganz normaler Typ plötzlich die Verantwortung aufgebrummt, ganz allein die Stadt, den Staat oder gar die Welt vor interner (zum Beispiel Korruption) oder externer (zum Beispiel Aliens) Gefahr zu retten. Von klein auf hören wir immer wieder: Der Einzelne trägt die Verantwortung für das Ganze.

 Wer an den Staat glaubt, bastelt am Staat mit

Ich kann schon verstehen, dass so ein Patriotismus den Deutschen unheimlich ist. Zu ihren beliebtesten Sprüchen gehört der Satz: "Ich kann nicht stolz auf mein Land sein, denn man kann nur auf etwas stolz sein, was man selber geleistet hat." In Amerika wäre dieser Satz nicht möglich, denn jeder Straßenkehrer, Schülerlotse, Millionär oder Drogendealer trägt zum Staat bei, und wenn es nur darum geht, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Politische Ideen wie die, dass der amerikanische Sozialstaat unbedingt abgebaut werden müsse, beginnen nicht in den Büros der Senatoren, sondern an den Stammtischen und in den Wohnzimmern.

So funktioniert es auch in Deutschland: Der Spruch "Ich kann nicht stolz auf mein Land sein" wurde irgendwann vermutlich zuerst in den Sechzigern oder Siebzigern von ein paar Intellektuellen erfunden und gehört heute zu den Grundlagen des politischen Denkens. Die meisten Deutschen, die ich kenne, sind stolz darauf, nicht stolz auf Ihr Land zu sein.

Der Planet Bonn

Nur hier glaubt man, dass man die Gestaltung des Staates nicht "selbst leistet". Der deutsche Staat entstand anscheinend durch eine gute Fee, ernährt sich selbst, und Politiker stammen aus einem großen Alien-Raumschiff, das irgendwann einmal vom Planeten Bonn kam. 

Das deutsche Argument gegen Patriotismus wird oft so untermauert: Patriotismus erhebe das eigene Land über andere Länder. Allerdings tun das nicht-patriotische Länder auch. Gerade hier in Deutschland, unbestritten das unpatriotischste Land der Welt, habe ich in den letzten 30 Jahren noch nie ein positives Wort über die politischen Verhältnisse in Amerika, Russland , Italien , Griechenland , Israel oder England gehört.

Inzwischen glaube ich: Gerade ein Mangel an Patriotismus ist gefährlich. Wer emotional mit dem eigenen Staat nichts zu tun haben will, ist am ehesten dazu bereit, das System bei jeder Krise sofort in die Tonne zu kloppen. Das ist in Deutschland 1932/33 mit der Demokratie passiert, und heute passiert es wieder auf einer andere Ebene: Viele Deutsche sind bereit, Europa anzunehmen, wenn es ihnen geschenkt wird, aber nicht, selbst dafür zu arbeiten, weil sie einfach nicht daran glauben.

Wer an den Staat glaubt, bastelt am Staat mit. Wie meine große Schwester. Eines Tages sagte sie sich: "Ich gehe in die Politik". Ohne jede politische Erfahrung gewann sie mehrere Wahlen und machte meine Teenagerjahre zur Wahlkampfhölle.

Wir sind nicht bloß das Volk

Die ganze Familie musste ran. Morgens, mitten im Berufsverkehr, stand meine arme Mutter winkend am Rand des Pali-Highways mit einem Schild "Mütter für Diana!" Ein Stückchen weiter standen wir Kids: "Kinder für Diana!" Noch ein Stückchen weiter stand Diana selbst mit ihren zwei riesigen dänischen Doggen und winkte: "Hunde für Diana!"

Meine Eltern fuhren mich zur Schule in einem gelben Auto mit einem riesigen Aufbau auf dem Dach, auf dem das übergroße Gesicht meiner Schwester prangte. Nachmittags musste ich im Wohnzimmer Flyer falten und diese von Tür zu Tür verteilen. Dafür habe ich ständig meine Lieblings-Sitcom verpasst. Das nehme ich meiner Schwester heute noch übel.

Aber eines habe ich von ihr gelernt: Das Land gehört uns. Wir sind nicht bloß "das Volk". Wir sind – ich bin es noch – Miteigentümer.