Gustavo Marrullo wurde ohne jede Vorwarnung getötet. Nachmittags um fünf stoppten die unbekannten Täter den 24 Jahre alten Taxifahrer an und schossen ihm viermal aus nächster Nähe ins Gesicht. Es ist einer von Tausenden Morden, über die Mar í a Isoliett Iglesias bereits geschrieben hat. Sie ist Tatort-Redakteurin der Tageszeitung El Universal in Caracas . Iglesias berichtet aus der gefährlichsten Hauptstadt Südamerikas über Mord, Gewalt, Erpressung und Drogenhandel.

Auch den Fall des Gustavo Marrullo dokumentierte El Universal , vor ein paar Tagen erst. Die besondere Brutalität dieses Auftragsmordes ragte aus der Flut der Gewalt noch einmal heraus. Und dennoch war es nur Alltagsgeschäft für das dreiköpfige Redaktionsteam von El Universal .

Eben diese Gewalt ist ein zentrales Thema im aktuellen Wahlkampf in Venezuela . Am 7. Oktober wird ein neuer Präsident gewählt. Amtsinhaber Hugo Chávez tritt erneut an, um die "Revolution zu vollenden und die Oligarchie hinwegzufegen", wie er in der ihm eigenen Sprache ankündigt. Sein Herausforderer, der vor allem bei den jungen Venezolanern und der Mittelschicht beliebte Henrique Capriles , will dagegen einen Politikwechsel und kündigt ein neues Venezuela an.

El Universal dokumentiert die tägliche Gewalt in Caracas

Der Faktor Gewalt kann wahlentscheidend sein, denn die Menschen in Venezuela, vor allem in Caracas, haben Angst. Zahlreiche Tote werden täglich in die Leichenhalle Bello Monte geschafft, am Wochenende sind es besonders viele, 50, manchmal 60 tote Körper liegen dann dort. Und jeder einzelne Fall landet auf dem Redaktionsschreibtisch von Mar í a Isoliett Iglesias. El Universal gehört zu den Medien, die auch kritisch über die Chávez-Regierung berichten.

Das Blatt hat es sich zum Ziel gemacht, die tägliche Gewalt in Caracas zu dokumentieren. "Wir beschäftigen uns mit Gewaltstraftaten: Morde, organisierte Kriminalität, Entführungen. Am Wochenende arbeiten wir zu dritt, um all die Ereignisse aufarbeiten zu können, die von Freitag bis Sonntag passieren", berichtet die junge Frau.

Gewalt in Caracas und Venezuela gab es bereits vor der Chávez-Ära, stellt Iglesias klar. "Aber sie ist in den vergangenen zehn Jahren enorm angewachsen. Damals gab es 8.000 Mordfälle, im vergangenen Jahr hatten wir nach offiziellen Angaben mehr als 14.000. Heute werden Menschen wegen Nichtigkeiten wie einem Verkehrsstau oder einem Streit in einem Einkaufszentrum umgebracht." Menschenrechtsorganisationen gehen noch von einer weitaus höheren Zahl aus. Obwohl es in Venezuela keinen bewaffneten Konflikt wie im Nachbarland Kolumbien zwischen Paramilitärs und Guerilla gibt, ist Caracas längst gefährlicher.

Auf die Polizei ist kein Verlass

"Wir versuchen, diesen Fällen ein Gesicht zu geben. Wir lernen jeden Tag, mit der Gewalt zu leben, denn das ist unsere Realität", sagt Iglesias. Den regierenden Sozialisten ist die Berichterstattung ein Dorn im Auge. Die zügellose Gewalt stört das Image eines Venezuelas, das Präsident Hugo Chávez in eine noch sozialistischere Zukunft führen will. Das hat für regierungskritische Medien wie El Universal Konsequenzen: "Wir erhalten von den Kriminologen keine Informationen mehr." Wer sich wie Iglesias täglich an der Nahtstelle zur Kriminalität bewegt, lebt gefährlich. Als sie vor ein paar Wochen über Korruption und Gewalt in den venezolanischen Gefängnissen berichtete, erhielt sie wieder einmal anonyme Morddrohungen. Sie machte die Drohungen öffentlich, forderte die Staatsanwaltschaft auf, ihre Redaktion zu schützen. Mehr kann sie nicht tun.

Denn auf die Polizei ist kein Verlass: In einer Umfrage des Observatorio Venezolano de Violencia (OVV), einer nichtstaatlichen Stelle zur statistischen Erfassung der Gewalt, äußerten jüngst 91 Prozent der befragten Venezolaner die Ansicht, dass die Polizei in irgendeiner Form in die Verbrechen involviert ist. OVV-Direktor Roberto Briceño León ist davon überzeugt, dass die offiziellen Zahlen nur einen Bruchteil der tatsächlichen Gewalt wiederspiegeln.

"Privatisierung der Justiz und der Sicherheit"

Zwei Drittel der Gewalttaten würden den Behörden erst gar nicht gemeldet, weil die Menschen der Polizei nicht mehr vertrauen, sagt der Universitätsprofessor und Soziologe. Die Folgen sind für die Gesellschaft dramatisch: "Wir erleben eine Privatisierung der Justiz und der Sicherheit", sagt Briceño León. Auch deshalb kann die Regierung vor der Gewalt die Augen nicht verschließen. Erst am Wochenende versprach Außenminister Nicol á s Maduro den Venezolanern: "Ein Sieg von Chávez ist eine Impfung gegen die Gewalt." Auch Capriles setzt im Wahlkampf auf die Karte Kriminalitätsbekämpfung: Es werde künftig in Caracas ein sicheres und zuverlässiges Nahverkehrssystem geben, sagte er am Wochenende. Und er geht noch weiter: "Mein Versprechen ist es, die Gewalt, die mittlerweile ganz Venezuela heimgesucht hat, auszuradieren." Ob ihm die Menschen das glauben, wird wahlentscheidend sein.

Tatort-Redakteurin Mar í a Isoliett Iglesias versucht auf ihre Art die Gewalt zu bekämpfen. Gemeinsam mit ihrem Fotografen-Kollegen Alias Manoa hat sie dafür ein Blog ins Leben gerufen. Er heißt Voces de la muerte (Stimmen des Todes). "Wir versuchen dort all jene Fälle aufzuarbeiten, über die aus unterschiedlichen Gründen in der Tageszeitung nicht berichtet werden kann. Jeder Fall ist es wert, dass wir ihn erzählen. Und jeder Fall bewegt uns."