Yesman Utrera hat schon immer im Armenviertel Antímano in Caracas gelebt. Seine Mutter ist eine Chávez-Anhängerin, die die Krankenhäuser und Schulen in den Slums zu ehren weiß. Sein Vater hasst den Präsidenten, weil er, wie er sagt, dessen Willkür nicht mehr ertragen kann. Und doch: Obwohl die Familie der Unterschicht angehört, kann der 24-jährige Yesman studieren, Fremdsprachen lernen und sich eine Zukunft ohne Armut vorstellen. In vielerlei Hinsicht steht seine Geschichte für das Venezuela des Hugo Chávez , der am Sonntag zum vierten Mal zum Präsidenten gewählt wurde: Ein Staat, der sich den Armen gewidmet, die Staatsmacht aber monopolisiert und die Gesellschaft gespalten hat.

Chávez hat die Wahlen mit mehr als sieben Millionen Stimmen gewonnen und kann bis 2019 weiter regieren. Wahlgegner Henrique Capriles brauchte nicht lange, um die Niederlage zu akzeptieren: "Der Besiegte bin ich, nicht das venezolanische Volk." Der Sieger rief, der Wahlsieg sei eine "perfekte Schlacht" gewesen. Noch eine Woche vor den Wahlen war die Kritik an seinem Regime so heftig gewesen, dass eine Abwahl des populären comandante tatsächlich möglich schien. Doch es kam anders.

Dafür gibt es viele Erklärungen. Die erste hat mit Familien wie den Utreras zu tun. Chávez hat soziale Fragen auf die Agenda gesetzt und damit Erfolg gehabt. Extreme Armut, Säuglingssterblichkeit und Arbeitslosigkeit sind gesunken, während das Bruttoninlandsprodukt gewachsen ist. Sein "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" hat die Gesellschaft transformiert. Wer Venezuela besucht, sieht auf Werbeplakaten der Regierung zwei Daten: Laut den UN hat Chávez den Analphabetismus abgeschafft und die Zahl der Armen dezimiert. Mit Programmen wie den sogar von Kritikern gelobten Barrio Adentro (Im Kiez) belebte er arme Viertel wieder und stellte den Bewohnern Lehrer und Ärzte aus Kuba zur Verfügung. Diese Menschen waren eine dankbare, starke Wahlbasis.

Die Infrastruktur bröckelt

Der Sieg aber war damit noch lange nicht sicher. Dem krebserkrankten Präsidenten fiel es schwer, wie früher ganze Dörfer und Städte zu besuchen. Auch die Kritik machte ihn schwach: In Venezuela bröckelt die Infrastruktur. Die Slums sind gewachsen, die Inflation und die Lebenskosten steigen – obwohl das Land die weltgrößten Ölreserven besitzt und dank Ölpreis-Boom riesige Gewinne kassiert. Venezuela erlebt eine gefährliche Gewaltwelle. Heute werden doppelt so viele Menschen ermordet wie vor 14 Jahren.

Die Hetzjagden der Chavistas

Doch Chávez erwies sich als politisches Tier. Er verwandelte seine Schwächen in Stärke. Über seine Gesundheit sprach er bescheiden und religiös – oder er schwieg radikal, je nach dem, wie es um seine Popularität stand. Er tourte an Bord eines LKW durch sein Land, sang, zitierte Che Guevara und attackierte die "Feinde der Revolution" – die Wähler seines Gegners Capriles. Auf die Argumente seiner Kritiker ging er grundsätzlich nicht ein. Doch rhetorisch vernichtete er Capriles in gewohnt martialischem Tonfall: "Jetzt will dieser unbedeutende Kerl eine Fernsehdebatte. Wer will mit dir debattieren, Junge! Gehe und lerne, wie man redet. Du bist ein politischer Analphabet!" Am Ende konnte Chávez mit solchen Tiraden das Image seines Gegners nach seinem Belieben formen. Dass Capriles der "Kandidat des Imperialismus" gewesen sei, war für viele so deutlich wie dass der Präsident das Erbe des Befreiers Simón Bolívar und die Interessen der Venezolaner vertrete.

Darüber hinaus hatte Chávez die Vereinigte Sozialistische Partei Venezuelas (PSUV) auf seiner Seite, zu der zwei Millionen Mitglieder, Dutzende Gouverneure, Bürgermeister und Parlamentsabgeordnete gehören. Dazu kam das klientelistische System: Weil er ihnen Vorteile gewährte, konnte Chávez über Hunderte Staatsangestellte und damit teilweise auch über den Staatsapparat verfügen. Besonders auffällig war, wie er öffentliches Radio und Fernsehen seinem Interesse unterwarf. Häufig hört man in Caracas, Capriles habe nicht nur gegen einen einzelnen Kandidaten kämpfen müssen, sondern gegen den mächtigen Ölstaat Venezuela.

Angst um Rente, Job, Ruf

Angesichts eines solchen Gegenspielers war der wohlhabende Capriles mit dem glänzend weißen Lächeln ein politischer Zwerg. Zwar gewann er mit mehr als sechs Millionen Stimmen mehr Stimmen als alle Oppositionskandidaten zuvor. Er führte einen Wahlkampf der Mitte, der auf Demokratie und Versöhnung zielte. Doch er machte auch grobe Fehler: Er lobte Chávez’ soziale Programme – mit der Folge, dass viele für Chavez selbst stimmten und nicht für ihn. Außerdem konnte Capriles sich nicht vom Vorwurf befreien, er vertrete diejenigen, die vor zehn Jahren mit Hilfe aus Washington gegen Chávez putschten.

Und dann ist da noch der Faktor Angst: Als Yesman Utrera, der junge Mann aus dem Armenviertel, kurz vor den Wahlen zu erklären versuchte, warum er für Chávez stimmen wolle, sagte er, er habe Angst und wolle seine Zukunft nicht aufs Spiel setzen. Er mag mit diesem diffusen Gefühl nicht der einzige gewesen sein. Von der Regierung angespornt, haben radikale chavistas oft Hetzjagden organisiert – nicht nur verbale Angriffe, sondern auch körperliche, die in einigen Fällen mit Verletzten oder sogar Toten endeten. Viele hätte eine Stimme gegen Chávez Job, Rente, Versicherung oder Ruf kosten können.