Denn Europa ist keineswegs gescheitert. Auch wenn der alte Kontinent etwa im aktuellen amerikanischen Wahlkampf mal wieder als Inbegriff verfehlter, veralteter Politik abgetan wird, gilt die europäische Einigung vielen Menschen nicht nur in Europa bis heute als einzigartiges Beispiel, wie aus früheren, jahrhundertelangen Feinden Freunde und Partner wurden. Es ist gerade mal 70 Jahre her, zwei Generationen, dass sich der Kontinent im von Deutschland ausgelösten Zweiten Weltkrieg zerfleischte, mit 60 Millionen Toten.

Und es ist auch gerade einmal gut 20 Jahre her, dass der Kalte Krieg endete, der Europa in der Mitte teilte und 40 Jahre lang jederzeit zum "heißen Krieg" hätte werden können. Vor allem in Osteuropa ist das nicht vergessen. Auf einer Tagung junger Europäer aus Polen , Ungarn , Tschechien , Weißrussland, Frankreich und Deutschland im Frühjahr in der Nähe von Berlin waren es vor allem die Osteuropäer, die von Europa als Garanten des Friedens sprachen – ganz wie die alten "großen Europäer" Konrad Adenauer, Robert Schuman , Helmut Kohl oder Jacques Delors .

Bollwerk der Freiheit

Das geeinte Europa ist aber noch weit mehr als ein Schutzwall gegen die Schatten der Vergangenheit. Es schützt ganz konkret die Freiheit seiner Bürger: Ohne die EU gäbe es keine Reisefreiheit auf dem Kontinent, keine Niederlassungsfreiheit in allen 27 Mitgliedsländern. Es ist nicht zuletzt auch die EU, die Rechtsstaatlichkeit in den einzelnen Mitgliedsstaaten garantiert. Die Brüsseler Warnungen an die Regierungen in Ungarn und Rumänien sind noch in guter Erinnerung. 

Zum Euro mag man stehen, wie man will. Man kann mit gutem Grund bemängeln, dass er eingeführt wurde, bevor die Voraussetzungen in Form einer Wirtschafts-, Finanz- und politischen Union geschaffen wurden, und dass nicht alle heutigen Mitglieder der Euro-Zone die Bedingungen erfüllen, wie das Beispiel Griechenland zeigt. Und man kann erst recht die maßgeblich von Deutschland betriebene Sparpolitik angreifen, mit der Angela Merkel den Euro "retten" will.

Aber richtig ist auch: Dass heute mehr als 200 Millionen Menschen in Europa mit derselben Währung bezahlen und sie alle Scheine und Münzen mit den EU-Symbolen in der Tasche tragen, macht ihnen nicht nur das Leben, Reisen und Handel treiben leichter. Es ist auch ein Schutzmechanismus gegen zerstörerische Konflikte. Wer miteinander redet, sich besucht, miteinander Geschäfte macht, ist eher solidarisch.

All diese Vorzüge Europas nehmen die meisten Europäer, zumal im Westen des Kontinents und in Deutschland, die fast alle nur noch Frieden und Freiheit erlebt haben, wie selbstverständlich hin. Aber sie sind alles andere als selbstverständlich. Europa ist eine Insel der Seeligen, des Friedens, der Freiheit, der Demokratie und des Wohlstands in der Welt. Trotz alledem.