Es ist in hübsche Glitzertütchen verpackt und praktisch an jeder Ecke zu haben. 206 Millionen Inder konsumieren täglich Gutkha, eine Kautabakmischung, deren Bestandteile hochgradig krebserregend sind. Mundkrebs ist die häufigste Folge. Indiens Mundkrebsrate ist deshalb weltweit die höchste. Die Behandlung tabakbedingter Erkrankungen kostet das Schwellenland jährlich umgerechnet 4,5 Milliarden Euro. Nun soll ein landesweites Gutkha-Verbot das Problem lösen.

Das Verbot bewegt die indische Gesellschaft mindestens ebenso wie das Rauchverbot die Europäer. Nahezu jedem indischen Rikscha-Fahrer sieht man an den verfärbten Zähnen die Gutkha-Sucht an. Der Betelnussbestandteil im Gutkha färbt nämlich Zahnfleisch, Zähne und Zunge dunkelrot. In Indien sind die Straßen voller rötlich-brauner Flecken, weil der überschüssige Speichel ausgespuckt wird, der beim Kauen entsteht.

Vor allem die Unter- und Mittelschicht kaut Gutkha

Das stört aber nur reiche Inder, die die Gewohnheiten der Unterschicht nicht teilen. Die Gutkha-Kauer selbst sind sich der Verachtung kaum bewusst. Während Rauchen in Indien verpönt ist, ist das Kauen von Gutkha bis in die Mittelschicht salonfähig. Es entsteht kein Rauch, der andere gefährdet oder belästigt. Viele Gutkhakonsumenten wissen gar nicht, dass sie ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Vor allem aber ist Gutkha nicht zufällig eine Unterschichtsdroge.

"Gutkha ist nicht nur ein billiges Genussmittel, sondern bekämpft den Hunger und hält wach", sagt Binoy Mathew vom Resource Centre for Tobacco Free India, einer NGO aus Dehli. Wer stark abhängig ist, verbraucht 20 bis 25 Päckchen Gutkha am Tag. Anfangs kommt man allerdings mit weniger aus. Damit lassen sich dann ein bis zwei Mahlzeiten täglich ersetzen. Das rechnet sich: Eine Schale Reis kostet 20 Rupien. "Ein Päckchen Gutkha kostet eine halbe bis eine Rupie. Das ist billiger als Essen", erklärt Binoy Mathew. Das Verbot begrüßt Mathew trotzdem, denn der Einstieg in die Droge müsse verhindert werden. Mathew will keine weiteren Opfer, genau wie die Regierung.

14 von 28 indischen Bundesstaaten haben zwar die Herstellung und den Verkauf von Gutkha bereits unter Strafe gestellt. Aber ausgerechnet die Regierung von Indiens bevölkerungsstärkstem Staat Uttra Pradesch wehrt sich gegen das Verbot und senkt wie zum Hohn die Steuern auf Gutkha-Produkte. Kein Wunder, wohnen doch in Uttra Pradesch die meisten Konsumenten. Der Großteil der Gutkha-Industrie ist auch hier ansässig. "Wenn 14 Bundesstaaten Gutkha verbieten können, warum kann UP es dann nicht?", fragen indische Medien. Doch die Diskussion ignoriert die Wurzel des Übels: die Armut. Die hungernden Menschen und die bereits Süchtigen werden auch trotz des Verbots einen Weg finden, die Droge zu bekommen. Die Industrie hilft dabei.