Wenige Stunden nach einem Granatenangriff auf ein türkisches Grenzdorf hat die türkische Armee Ziele in Syrien angegriffen. "Dieser Angriff ist von unseren Streitkräften sofort erwidert worden", teilte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan mit. Die türkischen Streitkräfte feuerten demnach "auf Ziele entlang der Grenze, die mit Radar identifiziert" worden waren. Berichte über Opfer auf syrischer Seite wurden zunächst nicht bekannt.

"Die Türkei wird, handelnd nach den Einsatzregeln und dem internationalen Recht, niemals solche Provokationen des syrischen Regimes gegen unsere nationale Sicherheit unerwidert lassen", sagte Erdoğan. Der stellvertretende Ministerpräsident Bülent Arin ç sagte: "Ich hoffe, das ist Syriens letzte Verrücktheit. Syrien wird zur Verantwortung gezogen."

Durch den Einschlag syrischer Granaten waren in Ak ç akale nahe der gemeinsamen Grenze fünf Menschen getötet worden , vier Kinder und deren Mutter. 13 weitere Menschen wurden verletzt, darunter mehrere Polizisten. Fernsehsender zeigten Dorfbewohner, die in Panik über die Straßen rannten oder Deckung suchten.

Die Ortschaft Ak ç akale liegt unmittelbar an der Grenze und nahe des lange umkämpften Grenzübergangs Tell Abjad, den syrische Rebellen nach zweitägigen Gefechten eingenommen hatten. Schon häufiger waren syrische Geschosse auf türkischer Seite eingeschlagen. Dass die türkische Armee diesmal zurückschoss, bedeutet nach Einschätzung von Beobachtern aber noch nicht, dass die Türkei in Syrien jetzt Kriegspartei ist.

Sondersitzung des Natorats

Wegen der Geschehnisse wurde der Nato-Rat noch am Mittwochabend zu einer Dringlichkeitssitzung nach Artikel 4 des Nato-Vertrags zusammengerufen. Die Nato verlangte von Syrien ein sofortiges Ende der Angriffe auf ihren Bündnis-Partner Türkei. Syrien müsse die schamlose Verletzung von internationalem Recht beenden, hieß es in einer Erklärung des Bündnisses . "Wie schon am 26. Juni festgestellt, beobachtet die Allianz die Situation in Syrien sehr genau", schrieb das Bündnis. Damals hatte es nach dem Abschuss eines türkischen Kampfflugzeugs vor der syrischen Küste schon einmal Beratungen nach Artikel vier des Nato-Vertrags gegeben. Diese Konsultationen kann ein Alliierter beantragen, wenn er seine Sicherheit als bedroht ansieht.

Die USA reagierten mit scharfer Kritik auf den Angriff auf das Grenzdorf. "Wir sind empört darüber, dass Syrier über die Grenze geschossen haben", sagte Außenministerin Hillary Clinton . Es sei eine "sehr gefährliche Lage" entstanden, über die sie mit den Nato-Verbündeten reden werde. "Wir bedauern den Verlust von Menschenleben auf der türkischen Seite."

Der türkische Außenminister Ahmet Davuto ğ lu berief seinerseits ebenfalls eine Dringlichkeitssitzung ein. Zuvor hatte er mit Rasmussen, UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und dem internationalen Syrien-Sondergesandten Lakhdar Brahimi telefoniert. Ban Ki Moon appellierte an die Türkei, die Kommunikation mit Syrien offen zu halten, um eine Verschärfung der Spannungen zu verhindern. 

Westerwelle bittet Türkei um Besonnenheit

Außenminister Guido Westerwelle verlangte von der Regierung in Damaskus eine Entschuldigung für die Gewalt. Die "erneute Verletzung der territorialen Integrität der Türkei aus Syrien" sei "ein schwerwiegender Vorgang". Westerwelle bat den türkischen Außenminister Davuto ğ lu, "bei aller verständlicher Empörung mit Besonnenheit und mit dem Blick für die außerordentlich gefährliche Lage in der ganzen Region zu handeln".

Die Türkei hat seit Beginn des Bürgerkrieges im Nachbarland mehr als 93.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen. Die Forderung Ankaras, eine Schutzzone für Vertriebene auf der syrischen Seite der Grenze einzurichten, hat international keine ausreichende Unterstützung erhalten. Die türkische Regierung sympathisiert mit den Assad-Gegnern. Versuche der Konfliktparteien, die Türkei zu einem militärischen Eingreifen zu bewegen, hatte die türkische Regierung bislang abgelehnt.