Irpin, 25 Kilometer nordwestlich von Kiew. Keine schöne Stadt, aber eine wichtige Universität. Auf 23 Hektar erstreckt sich die National State Tax Service University of Ukraine, großer Kronleuchter in der Eingangshalle. In Irpin werden die ausgebildet, die später die Steuern der Ukraine verteilen, Finanzexperten.

Iwan, 22, hat hier auch studiert. Er steht in der Eingangshalle, dem heutigen Wahllokal, weißes Shirt, Jackett, Unschuldsgesicht.

Iwan ist Mitglied der Regierungspartei, der Partei der Regionen. Als Wahlbeobachter darf er heute den ganzen Tag im Wahllokal nach dem Rechten schauen, kontrollieren, erklären. Er macht das freiwillig. Für sein Vaterland, für seine Partei. Eben ist er mal kurz raus gegangen.

Vor dem Eingang hat er sieben Studenten begrüßt, ein Mädchen, sechs Jungs. Iwan ist mit ihnen ins Wahllokal, hat ihnen gezeigt, wie es läuft. Alle sieben haben gewählt, dann sind sie durch den Hinterausgang raus. Iwan hinterher.

Ein Umschlag hinter dem Wahllokal

Draußen hat Iwan eine geraucht. Die sieben Studenten neben ihm. Er hat ihnen einen Umschlag gegeben. Es sah so aus, als habe er sein Vaterland verkauft.

Iwan sagt, stimmt nicht. Er habe kein Geld für die Stimmen der Studenten bezahlt. Er spricht hastig, und sein Kopf errötet langsam. Anastasiia Popsuy hört zu. Die rothaarige Frau glaubt ihm nicht. Aber sie lächelt. Schon vor Wochen hat sie gewusst, an diesem Sonntag werde etwas schiefgehen, "richtig schiefgehen", sagt sie.

Popsuy arbeitet für eine Nichtregierungsorganisation in der Ukraine. Anlässlich der Parlamentswahl hat die Ökonomin bei der Koordination der ausländischen Wahlbeobachter geholfen. Und sie hat Recht. Iwan ist nur einer von vielen. In 33.755 Wahllokalen haben die Ukrainer über die Besetzung ihres neuen Parlaments abgestimmt. Allein in jenem in der Universität in Irpin haben parteiunabhängige Wahlbeobachter zwei weitere Männer gesehen, die Studenten nach der Stimmabgabe etwas zugesteckt haben.

Beobachter berichteten von Bussen, in denen Wähler der Regierungspartei von Wahlort zu Wahlort gefahren wurden, um ihre Stimmen mehrfach abzugeben. In einem weiteren Wahllokal in Irpin wunderte sich ein älterer Mann. Nach dem Tod seiner Frau lebt er allein in seinem Haus. Doch als er seinen Wahlzettel abholte, bekam er mit, dass noch vier weitere Männer mit seiner Adresse für die Wahl registriert sind.

Etwa 4.000 ausländische Wahlbeobachter haben bei den sechsten Parlamentswahlen des Landes zugeschaut. Vielleicht haben sie einen Bruchteil des Betrugs dokumentiert. Popsuy vermutet, mehrere Parteien in der Ukraine würden manipulieren, jede nach ihren Möglichkeiten.