Bei genauem Hinsehen ist das nur die halbe Wahrheit. Die Psychologie der Wählerwünsche ist in diesem ungewöhnlichen Wahljahr vertrackter. Die simple Mechanik, wonach die Verluste des einen die Gewinne des anderen sind , bewahrheitet sich nicht. Die Amerikaner wollen mehrheitlich weder Obama noch Romney. Keiner von beiden hat in diesem Wahljahr jemals 50 Prozent der Wähler hinter sich bringen können. Beide finden nur bei einer Minderheit Zustimmung, im besten Fall 48 Prozent.

Die meisten Amerikaner wollen Obama nicht wiederwählen, das weisen die Erhebungen seit über einem Jahr aus. Er hat die Wirtschaftskrise nicht verschuldet, sondern von Bush geerbt. Aber ihn hatten die Bürger 2008 gewählt, damit er das Land zu Wachstum und Vollbeschäftigung führt. Sie gaben ihm eine für US-Verhältnisse große Mehrheit. Er hat die Erwartungen nicht erfüllt.

Um den Präsidenten tatsächlich abzuwählen, brauchen die Bürger jedoch eine Alternative, die sie bevorzugen. Romney kann die Mehrheit bisher nicht davon überzeugen, dass er diese Person ist. Auch er erreicht keine 50 Prozent der Wähler.

Wer löst größere Zweifel aus?

Die Wahl entscheidet sich also nicht an der Frage, wen von beiden die Mehrheit lieber haben möchte. Einen solchen Kandidaten gibt es 2012 nicht. Die jeweilige Umfragelage richtet sich vielmehr danach, wer von beiden die größeren Zweifel auslöst. Der jeweils andere liegt vorne – aber nicht weil er positive Gefühle für seine Person und sein Programm weckt. Sondern weil der Konkurrent gerade noch mehr Bedenken auf sich zieht.

Obama und Romney haben diese Konstellation verinnerlicht und richten ihre Wahlkampfstrategie daran aus. Sie werben in auffallend geringem Maß mit den eigenen Stärken. Was sie nach einem Sieg konkret tun wollen, um das Wachstum anzukurbeln, die Arbeitslosenrate zu reduzieren, den Schuldenberg abzutragen oder die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, bleibt nebulös. Sie werfen mit Schlagworten um sich: billige Energie, niedrige Steuersätze, Investitionen in Bildung und Infrastruktur. Es fehlen jedoch die Verben und die Details, die daraus einen nachvollziehbaren Plan machen würden.