Diese Dynamik wird durch Romneys überraschenden Drang ins Zentrum verstärkt. Anfangs gab er sich rhetorisch als Rechter, um die republikanische Basis zu gewinnen. Nun passt er seine Positionen an die moderate Mitte an . In der Steuerpolitik sollen die Reichen doch nicht geschont werden. In der Außenpolitik hatte er Iran zuvor mit Krieg gedroht. Jetzt lobt er die Diplomatie. China ist kein Gegner mehr, sondern ein Partner.

In normalen Zeiten wären solche Positionswechsel riskant. Romney hat den Ruf, ein "Flip Flopper" zu sein, der seine Meinung opportunistisch wechselt. Weil er die Neupositionierung jedoch zu einem Zeitpunkt vollzieht, zu dem sich die Zweifel gegen den Präsidenten richten, sieht es so aus, als habe Obama die Verteufelung Romneys im Wahlkampf maßlos übertrieben. Ist Romney vielleicht ein akzeptabler Präsident?

Neun Tage vor der Wahl sind die Umfragedaten widersprüchlich. Im Kampf um die Stimmenmehrheit im Land ( popular vote ) liegt Romney vorn. Präsident wird aber, wer die meisten Wahlmänner erhält. Dafür wird in jedem Staat einzeln ausgezählt, und der Sieger bekommt alle Wahlmänner dieses Staats. In dieser Berechnung führt Obama, wenn auch knapp. Wenn aber der Trend weiter zugunsten Romneys wirkt, kann die Mehrheit der Wahlmänner kippen.

Unterschiede liegen in der Außenpolitik

Die Welt sollte sich allmählich mit der Aussicht vertraut machen, dass Amerika einen neuen Präsidenten Romney bekommen kann. Was würde sich dann ändern? Die gravierenden Unterschiede liegen nicht in der Außenpolitik. Europa muss sich auf keinen anderen Umgang mit der Supermacht vorbereiten. Auch Kriege oder eine Ausweitung der gezielten Tötungen mit Drohnen folgen nicht automatisch. Romney ist ein Technokrat ohne tief sitzende ideologische Überzeugungen. Er richtet sich danach, was nach seiner Analyse im nationalen Interesse liegt.

Die großen Herausforderungen betreffen die Finanz- und Steuerpolitik. Die USA sind mit über 16 Billionen Dollar verschuldet, das entspricht mehr als 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und übersteigt die Werte für die Euro-Zone. Zählt man die Schulden der Kommunen und Einzelstaaten hinzu, nähern sich die USA griechischen Verhältnissen. Die Frage ist also: Wer bezahlt den Schuldenabbau: die Reichen durch höhere Steuern, wie Obama das propagiert? Oder die Ärmeren durch Kürzung staatlicher Leistung, wie die Republikaner fordern? Das hängt nicht allein vom Ausgang der Präsidentenwahl ab, sondern ebenso vom Ergebnis der parallelen Kongresswahl. Ein Dreifach-Sieg – republikanischer Präsident, republikanisches Abgeordnetenhaus, republikanischer Senat – würde einen Präsidenten Romney unter Druck setzen, den versprochenen Kurswechsel zu vollziehen: weniger Solidarität, jeder ist seines Glückes Schmied. Wenn die Demokraten ein oder zwei dieser Machtpositionen gewinnen – das Weiße Haus oder den Senat – ließe sich das als Auftrag interpretieren, Kompromisse zu suchen.

Die Kernaufgabe Amerikas ähnelt der in Europa: Sparen, ohne eine Rezession heraufzubeschwören. Die droht den USA nach momentaner Beschlusslage. Die von Bush eingeführten, befristeten Steuererleichterungen sollen am Jahresende auslaufen, was den Bürgern Kaufkraft nimmt. Der Staat muss bei Militär und Sozialausgaben kräftig kürzen, was ebenfalls Kaufkraft aus dem Markt nimmt. Und die Betriebe werden belastet, weil der ermäßigte Satz für die Sozialabgaben ausläuft. Wenn alle drei Maßnahmen greifen, würden der US-Wirtschaft 2013 etwa 3,5 Prozent des BIP entzogen. In den USA nennt man das „Fiscal Cliff“. Der Kongress wird Wege finden, das zu vermeiden. Aber das heißt zugleich: Die Budgetsanierung würde verzögert.

Der nächste Präsident ist nicht zu beneiden. Welche Ironie wäre das: Amerika wählt einen republikanischen Präsidenten, weil der Wachstum und Schuldenabbau verspricht. Doch stattdessen bringt sein erstes Amtsjahr eine Rezession.

Erschienen im Tagesspiegel