Bis der Adel darauf aufmerksam wurde, dass sein Volk gerade lernte, für sich selbst zu denken, und die schicken Londoner Debattierclubs als subversiv unterdrückte, war es zu spät: Das Debattieren schwappte nach Amerika über. Heute ist die Teilnahme an Debattierclubs bei uns die wichtigste Voraussetzung für eine Karriere in der Politik.

Das hatte Folgen: Eben weil man jeden x-beliebigen Standpunkt vertreten muss, lernt der Amerikaner in jungen Jahren, dass jedes Thema zwei Seiten hat – und die andere Seite genauso viele legitime Argumente wie die eigene.

So kommt es, dass sehr viele Amis die Vorteile beider Parteien sehen. Auch ich verstehe die Positionen eines Mitt Romney gut und ahne, dass er ein ebenso guter (oder schlechter) Präsident wie Obama wäre. In Amerika macht mich das zu einem Intellektuellen. In Deutschland macht mich das zu einem Rechten.

Hierzulande ist die Lage nämlich etwas anders. Eine Tradition des offenen Debattierens hat sich nie entwickelt. Entweder warf man sich gleich in den Straßenkampf, oder es wurde hinter dem Ofen geschmollt. Daraus entwickelte sich mit der Zeit das beliebte kritische Denken.

Das kritische Denken lässt keine Selbstkritik zu

Allerdings kritisiert man sich dabei nur selten selbst, sondern lieber die anderen. Die Linken kritisieren die Rechten und kommen sich dabei toll vor; die Rechten kritisieren die Linken und festigen damit ihre Zusammengehörigkeit; alle kritisieren die da oben und erzeugen damit ein heimeliges Gemeinschaftsgefühl, bevor das Ganze noch in eine Kneipenschlägerei ausartet.

Man merkt es nicht sofort, aber das kritische Denken lässt keine Selbstkritik oder gar neue Positionen zu. Wo kämen wir denn da hin? Wenn ich mal eine neue oder gar andere Perspektive hören will, muss ich mich der angloamerikanische Presse zuwenden. In bestimmten Fragen – zum Beispiel, ob Atomenergie, Genmais oder Mitt Romney als Präsident doch gewisse Vorteile hätten – wissen viele meiner deutschen Freunde nicht mal, dass es zwei Seiten gibt.

Kritisches Denken ist keine Debatte, sondern Konsensfindung, oder, wie ich es nenne, Harmonienörgeln: Zwei Menschen kritisieren gemeinsam solange einen Dritten, bis sie Freunde werden. Für die Deutschen ist alles ernst, und sie wollen sofort wissen: "Wer ist mein Freund, wer ist mein Feind?" Für die Amerikaner mit ihren Debattierclubs ist immer ein Hauch Spielerei dabei.