Der Beitrittsvertrag mit Kroatien ist keine Garantie, dass das Land nächstes Jahr auch tatsächlich der EU beitreten kann. Theoretisch können das alle EU-Staaten, deren Parlamente den Vertrag noch nicht ratifiziert haben, noch verhindern. Das sei in der Geschichte der EU allerdings noch nie vorgekommen, sagt Lange. In diesem Fall sei unklar, wie genau es weitergehen würde. "Einen Plan B gibt es nicht", bestätigt Richter.

Die Kommission müsse dann laut Vertrag "über angebrachte Maßnahmen" entscheiden. "Das bedeutet in unserer Interpretation aber nicht, dass Kroatien einen Aufschub der Frist erwarten kann", betont Lange. Wenn Kroatien seine Auflagen nicht erfülle und in Folge dessen ein Mitgliedstaat den Vertrag nicht ratifiziere, seien die Beitrittsverhandlungen gescheitert. Der Prozess müsse dann noch einmal ganz von vorne beginnen, mit einem Beitrittsantrag Kroatiens.

Ein solches Szenario erscheint heute zwar unwahrscheinlich. Doch der Ausgang des Prozesses hinge laut Lange maßgeblich von den kroatischen Erfolgen in den nächsten Monaten ab. In Anbetracht eines ungelösten Bankendisputs zwischen Slowenien und Kroatien sieht Wissenschaftlerin Richter in der slowenischen Ratifikation momentan den größeren "Stolperstein".

Bei all der harten Kritik gibt es auch Lob: Kroatien hat in den letzten zwanzig Jahren den Übergang von einem Post-Konflikt-Land zu einem modernen Staat geschafft, betont Richter. Die allgemeine Erwartung ist, dass sich Kroatiens EU-Mitgliedschaft positiv auf die Stabilität des Balkans auswirkt. Die Erweiterung des Binnenmarktes durch Kroatien ist zwar gering, sagt EU-Mann Lange, wichtiger sei die Stabilisierung der Grenzregionen der Europäischen Union. "Krieg und Konflikt vor den Grenzen der EU kosten uns mehr als der Beitritt Kroatiens – auch finanziell", bestätigt Solveig Richter.