Frage: Ihre Philosophie ist getrieben von dem Bewusstsein für das Böse, die Verzweiflung, das Grauen. Würden Sie sie als eine Philosophie der Tragik des Lebens definieren?

West: Meine Philosophie wurzelt in dem, was ich tragikomisch nenne. Es ist eine Philosophie von Katastrophe und Mitgefühl. Das Tragische und das Komische, das Katastrophische und das Mitfühlende sollten zusammengehen. Zwischen Shakespeares "Hamlet" und Tschechows "Drei Schwestern" besteht ein großer Unterschied. Beide Stücke haben das Tragische und die Katastrophe in sich, doch wo Shakespeare auf das Tragische beschränkt bleibt, liegt Tschechows Genie darin zu sagen, dass wir gegen jegliche Form des Bösen nichts tun können als ausharren, weitermachen, weiterkämpfen, weiterlieben, weiterlachen.

Frage: Welche Bedeutung hat die Komik?

West: Im Angesicht der Finsternis gibt es immer eine Möglichkeit für das Lachen, für Humor, für Lächeln – und das sind Waffen, die man benutzen sollte. Manchmal lacht man, weil einen die Tränen überwältigen und der einzige mögliche Umgang damit ist, zu lächeln und zu lachen. Und wenn du nicht lachst, nachdem die Gangster getötet haben, dann sind die Gangster die Sieger. Als die Römer Jesus kreuzigten, dachten sie, damit hätten sie seine Bewegung der Liebe zerschmettert. Aber es war ihnen nicht gelungen. Jedes Mal, wenn du liebst und lachst, sagst du den Mächtigen: Allmächtig seid ihr nicht. Und die Tradition setzt sich fort. Die Finsternis wird immer da sein, aber du musst immer reagieren. Das war es, was Tschechow im Sinn hatte. Er glaubte, auf die Liebe und auf das Lachen läuft es immer hinaus – auf die Liebe zur Weisheit, Wahrheit und Gerechtigkeit und auf das Lachen über sich selbst.

Frage: Das Vermächtnis Martin Luther Kings führt unweigerlich auch zu Malcolm X und den Black Panthers. Wie würden Sie zwischen diesen beiden Traditionen unterscheiden?

West: Es gibt zwei Malcolm X: Der eine war Mitglied bei der Nation of Islam und bekundete eine tiefe Liebe zu den Schwarzen, was ich befürworte, doch zugleich bezeichnete er die Weißen als "Teufel", was ich ablehne. Dann gibt es einen zweiten Malcolm X, der seine Liebe sowohl zu den Schwarzen als auch zu den Weißen bekundet, der die weiße Vorherrschaft als Ideologie bekämpft, ohne Hass gegen diese Menschen. Ich hege große Wertschätzung für Malcom X’ Entschlossenheit, über das Leid der Schwarzen die Wahrheit zu sagen in einer Zeit, als der amerikanische Mainstream sich weigerte, darüber zu sprechen. So gesehen sind Malcolm X und Martin Luther King eng miteinander verknüpft. Eines gefällt mir bei Malcolm X sogar besser: Er war bereit, konsequent über den amerikanischen Imperialismus zu reden, Vietnam und so weiter. Martin Luther King tat das erst spät. Aber letztlich hatte Martin Luther King eine weiter entwickelte spirituelle und moralische Orientierung, enger verbunden mit der humanistischen Tradition, der ich mich selbst zurechne.

Frage: Irgendwann kündigten Sie Ihre Zusammenarbeit mit den Black Panthers auf …

West: Ja, irgendwann war sie nicht mehr möglich. Sie waren mir einfach zu weltlich. In vielerlei Hinsicht bin ich selbst sehr säkular. Aber als revolutionärer Christ reagiere ich überaus kritisch, wo immer ich Herablassung spüre, vor allem gegen die religiöse Tradition, denn diese Haltung kann sehr dogmatisch werden. Natürlich weiß ich, dass Religion oft ein Herrschaftsinstrument ist. Jede Form von organisierten Ideen oder Dogmen kann hässlich und bösartig werden.

Frage: Wie bringen Sie Ihre progressiven Ansichten mit Ihrer Bindung ans Christentum in Einklang? Wie definiert sich die "prophetische Tradition", die im Zentrum Ihres Denkens steht?

West: Was ich mit prophetisch meine, hat nicht unbedingt etwas mit Gottesgesprächen zu tun, sondern es ist eine besondere Empfindsamkeit für das Leid der Unterdrückten, egal von welcher Hautfarbe, und ein Drang, über dieses Leid zu sprechen und etwas daran zu ändern. Bei den Franzosen gibt es eine prophetische Tradition sogar in ganz säkularer Form. Einer meiner großen geistigen Helden ist Jean-Paul Sartre, denn er ist wahrscheinlich der einzige große europäische Intellektuelle des 20. Jahrhunderts, der den französischen Kolonialismus und Imperialismus wirklich der Kritik unterzog! Doch mein eigenes prophetisches Engagement ist nicht säkular. Wenn ich Sartre treffen könnte, würde er mir sagen, er könne meine christliche Perspektive nicht nachvollziehen, denn sie wurzelt in der vormodernen Welt und hat deshalb aus seiner Sicht keine Grundlage. Ich würde ihm antworten, dass diese Geschichten aus der Bibel eine wichtige Rolle für die Schwarzen in Amerika spielen, um weiterzumachen, um Kraft zu schöpfen, um nicht nur ihre Menschlichkeit aufrechtzuerhalten, sondern auch die Menschlichkeit anderer.