In der Argumentation der US-Regierung geht es aber auch ohne: Wer nicht zustimmt, ist schließlich im Umkehrschluss automatisch nicht willens oder nicht in der Lage, der Gefahr zu begegnen. Haltbar ist das im Grunde nur so lange, wie kein betroffenes Land offen widerspricht. Das heißt aber auch: Mit jeder gezielten Tötung per Drohnenangriff prägen die USA den völkerrechtlichen Rahmen für die Zukunft. Wie die internationale Staatengemeinschaft sich zu dieser Praxis verhält, wird mit darüber entscheiden, wo die Linie zwischen legalen Akten der Selbstverteidigung (als letztem Mittel) und perfiden Kriegsverbrechen verläuft.

Diesen Prozess kann man pessimistisch betrachten, wie etwa der UN-Sonderberichterstatter für außergerichtliche, systematische oder willkürliche Hinrichtungen, Christof Heyns. Die wachsende Zahl der US-Drohnenangriffe sieht der Südafrikaner als Gefahr für die Prinzipien des Völkerrechts: Solche gezielten Tötungen würden andere Staaten ermutigen, sich über jahrzehntelang geltende Menschenrechtsstandards hinwegzusetzen. So gesehen ist es kein Zufall, dass die chinesischen Sicherheitsbehörden auf der monatelangen Jagd nach dem birmanischen Drogenbaron Naw Kham auch ein Drohnenattentat auf fremdem Boden in Erwägung gezogen haben.

Man kann diesen Prozess aber auch positiv auslegen, denn die Kritik nimmt zu, und der amerikanische Drohnenkrieg bleibt nicht gänzlich unwidersprochen. Auf Initiative von China, Russland und Pakistan hat der UN-Menschenrechtsrat inzwischen Ermittlungen aufnehmen lassen, um die Legalität der Tötungen und die Fälle "ziviler" Opfer zu klären. Daraus könnte am Ende auch ein rechtlicher Rahmen entstehen, der klarere Grenzen aufzeigt.

Beabsichtigte und unbeabsichtigte Opfer

Eine ganz andere Frage ist, ob die Tötungen im Krieg gegen den Terror ethisch vertretbar sind. Sie muss, ebenso wie die Frage der Legalität, in jedem Einzelfall neu betrachtet werden. Doch auf welcher Basis? Schon die rechtliche Beurteilung scheitert daran, dass die wichtigsten Informationen nicht zugänglich sind: die Beweise, auf deren Grundlage die amerikanische Regierung zu dem Schluss gelangen, das von einem Individuum oder einer Gruppe eine unmittelbare Gefahr für ihre nationale Sicherheit ausgeht. Und dass absolut keine andere Möglichkeit besteht, dieser Gefahr zu begegnen, als mit einer gezielten Tötung.

Der Mangel an Informationen ist auch der Grund, warum sich die moralische Debatte stärker auf die unbeabsichtigten als auf die beabsichtigten Opfer konzentriert. Auf die Kollateralschäden, wenn man den Begriff verwenden möchte. Die stärksten Argumente gegen die gezielten Tötungen beziehen sich hier nicht auf Schuld oder Unschuld der mutmaßlichen Terroristen und auch nicht auf die Frage, ob stattdessen eine Festnahme möglich gewesen wäre. Sie zielen eben auf die Waffe und nicht auf die Tat: Drohnen, so der Vorwurf, seien für eine große Zahl "ziviler" Opfer verantwortlich, weil sie nicht jene chirurgische Präzision besäßen, die ihre Befürworter so gern ins Feld führen.

Problematisch ist an dieser Stelle erneut die nebulöse Vorstellung der US-Regierung davon, was eine unmittelbare Bedrohung ist und von wem sie ausgeht. Wenn per Definition alle von Drohnen getöteten Männer, die eine Waffe halten können, feindliche Kämpfer im Krieg gegen den Terror waren, dann ist die Moralfrage im Grunde entkernt. Sie muss überhaupt nicht mehr dezidiert beantwortet werden: Die Guten sollen leben, die Bösen sollen sterben – und wer die Guten sind, ergibt sich von selbst. Fragwürdig ist dieser Automatismus gerade vor dem Hintergrund, dass die Angriffe nicht mehr nur einzelne Führungspersönlichkeiten von Al-Kaida (personality strikes), sondern verstärkt ganze Gruppen Terrorverdächtiger (signature strikes) ins Visier nehmen, die nicht einmal mehr akut einen Anschlag planen müssen.

Trifft es die Richtigen?

Doch auch der Aspekt "ziviler" Opfer hat weniger mit der Drohne selbst zu tun: Denn als Waffe ist sie präziser als etwa Kampfjets, die eben nicht stundenlang per Kamera Sichtkontakt haben und deren Piloten innerhalb eines kurzen Zeitfensters am Ziel selbst kaum noch beurteilen können, wie sich die Lage darstellt. Als reines Aufklärungsinstrument kann eine Drohne zudem wertvolle Informationen liefern, die sonst nur durch Quellen oder Soldaten vor Ort zu bekommen wären. Entscheidend ist, ob die Erkenntnisse über die befürchtete Gefahr und die konkrete Situation gut genug sind und welche Kriterien angelegt werden, um eine gezielte Tötung zu veranlassen. Erneut: Trifft es die Richtigen, und gibt es wirklich keine andere Möglichkeit?

Die rechtlichen und moralischen Abwägungen einmal außer Acht gelassen, bleibt am Ende die Frage, ob die massive Ausweitung der Drohnenangriffe strategisch klug ist. Sie sollen die Vereinigten Staaten sicherer machen und haben in der Tat dazu beigetragen, Terrornetzwerke weniger handlungsfähig zu machen und Gefahren abzuwenden. Doch dieses Argument verfängt nur kurzfristig.

Die Schläge aus der Ferne treffen in Ländern wie Pakistan oder Afghanistan auf Kulturkreise, die in den USA tendenziell ohnehin Besatzer oder gar Feinde sehen. In manchen Regionen haben die Menschen Angst, Beerdigungen oder Hochzeiten zu besuchen, weil sie Angst vor den Angriffen haben. Selbst wenn die Amerikaner also glauben, Recht und Moral auf ihrer Seite zu haben, und die Zahl "ziviler" Opfer für vertretbar halten – weise handeln sie nicht. Sie schüren den Hass, der den Terrorismus nährt. Und sie führen einen Krieg, der kein Ende finden kann.

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