Der Tag danach begann am frühen Morgen mit 21 Salutschüssen zu Ehren des verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez. Eine mehrtägige Staatstrauer wird sich anschließen. Doch wenn der Comandante zu Grabe getragen und die Tränen der Anhänger getrocknet sind, beginnt bereits der Wahlkampf und damit auch der Streit um das politische Erbe. Gemäß der Verfassung muss binnen 30 Tagen die Neuwahl eines Präsidenten stattfinden.

Chávez selbst hatte vor wenigen Monaten in kluger Voraussicht seine politische Erbschaft selbst geregelt und Vizepräsident Nicolás Maduro öffentlich zu seinem Nachfolger erkoren, sollte er aufgrund seiner gesundheitlichen Verfassung nicht in der Lage sein, das Amt weiter auszuüben. Er wollte einen internen Machtkampf erst gar nicht entstehen lassen.

Die Geschlossenheit der Sozialisten hinter ihrer alles überragenden Galionsfigur hatte es in den vergangenen 14 Jahren überhaupt erst möglich gemacht, dass sie einen Wahlsieg nach dem anderen einfuhren. "Sie haben Angst vor diesem Bild", sagte Maduro jüngst, als er sich bei einem Pressetermin demonstrativ gemeinsam mit Parlamentspräsident Diosdado Cabello den Fotografen präsentierte. Zuvor hatte die Opposition von einem Machtkampf der beiden Kronprinzen gesprochen. Dass es tatsächlich dazu kommt, ist eher unwahrscheinlich. Chávez' politisches Testament werden seine Anhänger in Partei und Basis aller Voraussicht nach akzeptieren, weil er dank einer gewaltigen Propagandamaschinerie in Venezuela schon zu Lebzeiten zu einer Art Heiligenfigur stilisiert wurde, die Wunder vollbringen kann.

Auf Nicolás Maduro, einen ehemaligen Busfahrer, der durch engagierte Gewerkschaftsarbeit und Loyalität zu Chávez Karriere machte, warten immens schwere Aufgaben. Chávez hat ihm zwar einen funktionierenden Macht- und Medienapparat hinterlassen, der ihn in eine komfortable Ausgangsposition für den anstehenden Wahlkampf versetzen wird. Doch der Mann, der am Dienstag unter Tränen den Tod des geliebten Präsidenten verkündete, wird auch schmerzhafte und unpopuläre Entscheidungen treffen müssen. Solche, die Chávez angesichts des Wahlkampfes im vergangenen Jahr auf die lange Bank geschoben hatte.

Staat steht vor großen Herausforderungen

Maduro muss die marode Ölindustrie modernisieren, soll sie auch in Zukunft die notwendigen Milliarden für die ausufernden Sozialprogramme abwerfen. Für die riesigen, aber nur mit großem Aufwand zu fördernden Ölvorkommen des Landes sind internationale Fachkräfte wichtig. Sie waren aber wegen der grassierenden Gewalt und Kriminalität in den vergangenen Jahren nur noch schwer nach Venezuela zu locken.

Maduro muss außerdem die Einnahmeseite des in Schieflage geratenen Staatshaushaltes stärken. Dazu wäre dringend eine Erhöhung des paradiesisch niedrigen Benzinpreises notwendig, ebenso wie eine Reduzierung der verbilligten Öllieferungen an die befreundeten Staaten Kuba, Nicaragua oder Bolivien. "Chávez verschenkt unser Öl ans Ausland", lautet einer der markantesten und populärsten Vorwürfe des mutmaßlichen Herausforderers Henrique Capriles.