Seit Beginn des Bügerkriegs in Syrien vor zwei Jahren wird immer wieder über einen möglichen Einsatz chemischer Waffen spekuliert. Ein Video, verbreitet vom syrischen Fernsehen, hat neue Befürchtungen ausgelöst. Ein Beweis ist es für Experten nicht.

Was darauf zu sehen ist: Männer, Frauen und Kinder mit grünen Atem-Masken drängen sich in der Notaufnahme eines Krankenhauses; Ärzte in Operationskitteln beugen sich über einen Mann, der auf einer Trage liegt. Diese Bilder zeigten, dass die Opposition chemische Waffen verwende, behauptete die Assad-treue Nachrichtenagentur Sana. Die Verletzten seien Opfer eines Giftgas-Angriffs.

Demnach hätten Rebellen durch einen Angriff mit Giftgas in Khan al-Asal, einem Vorort im Westen von Aleppo, mindestens 15 Menschen getötet. Die Freie Syrische Armee dagegen behauptet, das syrische Regime habe die Granaten mit Giftgas eingesetzt. Später erhöhten beide Seiten die Opferzahl auf 25 Tote. Die Opposition nennt außerdem einen weiteren Fall nahe Damaskus.

In der Gegend bei Khan al-Asal kämpfen Regierungstruppen und Rebellen um die Kontrolle. Augenzeugen hatten von einer starken Explosion am Dienstagmorgen gesprochen. Zudem berichteten sie von einem Chlorgeruch in der Luft und einem undefinierten Pulver am Boden.

"Definitiv kein Senfgas, definitiv kein Nervengas"

Die Gase, die nach Berichten der CIA in Syrien in großen Mengen verfügbar sein sollen – Senfgas, Sarin und das Nervengas VX – riechen jedoch meist nicht. Nur Senfgas könne unter Umständen einen Chlorgeruch entfalten, sagten Experten. Dieser könne jedoch auch von einer gewöhnlichen Explosion stammen.

Neben den Berichten der Augenzeugen bleibt das Video der Regierungsmedien bislang das einzige Indiz für einen Einsatz von chemischen Waffen. Aber es enthält Ungereimtheiten: Zwar sind Dutzende Menschen zu sehen, die offenbar Atemprobleme haben und zum Teil künstlich beatmet werden. Aber Verätzungen und Brandblasen, die es bei Opfern eines chemischen Angriffs geben müsste, sind nicht zu sehen – obwohl einige der Männer mit nacktem Oberkörper daliegen.

Experten halten es deshalb für unwahrscheinlich, dass chemische Waffen eingesetzt wurden. Der Christian Science Monitor zitiert Charles Blair, einen leitenden Forscher der Washingtoner Föderation Amerikanischer Wissenschaftler: "Alles, was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass – was auch immer diese Munition war –, es keine chemische Waffe nach der Definition der Chemiewaffenkonvention war", sagt Blair.

Auch Pascal Zanders vom Institut der Europäischen Union für Sicherheitsstudien (IEUSS) hält einen Chemiewaffen-Einsatz für unwahrscheinlich. Es gebe keine Bilder vom Ort des Anschlags. Und die Verletzten zeigten keine typischen äußeren Symptome. Sein Fazit: "Definitiv kein Senfgas, definitiv kein Nervengas."