Zumindest die Erinnerung an Serbiens ersten demokratisch gewählten Premier ist geblieben. "Zoran Đinđić lebt", verkünden derzeit großformatige Plakate an Belgrads Bushaltestellen und Litfasssäulen.

Tatsächlich ist das Konterfei des einstigen Reform-Premiers an seinem 10. Todestag auf unzähligen Titelblättern und Buchumschlägen. Doch sein politisches Vermächtnis haben seine Parteigänger und seine einstigen Widersacher gleichermaßen verspielt. Das Land ist auf dem von Đinđić eingeschlagenen Weg der  Demokratisierung und West-Annäherung stecken geblieben. Stattdessen dominieren Klientel- und Parteienwirtschaft, die Wirtschaftskrise und nationalistische Tendenzen.

Der Anschlag war gut vorbereitet. Am 12. März 2003 feuerte der Scharfschütze Zvezdan Jovanović die tödlichen Schüsse auf den 50-jährigen Premier ab, der am Seiteneingang des Regierungssitzes in der Ulica Nemanjina gerade seine Dienstlimousine besteigen wollte. Der Mörder und seine Komplizen wurden gefasst und verurteilt, doch die eigentlichen Hintermänner des Attentats wurden nie enttarnt. Ihr Ziel haben sie erreicht: Mit Đinđić starb die Hoffnung auf Veränderung.

Eine halbe Million Serben gaben vor zehn Jahren ihrem ermordeten Idol das letzte Geleit. Zu seinem zehnten Todestag an diesem Dienstag gingen in Belgrad wieder Tausende auf die Straße. "Serbien wird besser werden, wenn wir besser werden", lautete eine der Losungen des Visionärs. Doch viele seiner einstigen Anhänger mögen an bessere Zeiten in dem bitterarmen Land kaum mehr glauben. Đinđić sei der Letzte gewesen, "der Hoffnung gab", sagt beispielsweise der Intendant Kokan Mladenović: "Wenn ich an ihn denke, denke ich an die verlorene Zeit, das verlorene Jahrzehnt, an noch eine verlorene Generation."

Reformpartei verspielte das Erbe

Zwar konnte sich Đinđićs Demokratische Partei (DS) auch nach dem Attentat noch fast ein Jahrzehnt an der Macht halten. Doch seine Nachfolger erwiesen sich als schlechte Nachlass-Verwalter. Der Abrechnung mit den das Milošević-Regime überdauernden Geheimdienst-Strukturen gingen sie aus dem Weg. Stattdessen ließen sich die Đinđić-Erben mit zweifelhaften Tycoons und Partnern ein.

Die einstige Reformpartei veränderte sich zu einer reinen Partei des Machterhalts. Dafür wurde sie im vergangenen Frühjahr von ihren einstigen Wählern abgestraft. In Umfragen dümpelt die in die Opposition verbannte DS inzwischen nur noch bei 13 Prozent. Die Regierungsbank teilen sich nun frühere Đinđić-Gegner: die einst von Slobodan Milošević gegründete SPS und die Ex-Nationalisten der rechtspopulistischen SNS.

"Ein Auslands-Agent, kein Staatsheld" versuchen die in mehreren Provinzstädten aufgetauchten Plakate der nationalklerikalen Partei Nasi posthum gegen den vermeintlichen CIA-Agent Đinđić mit zehnjähriger Verspätung noch Stimmung zu machen. Ihre Parolen finden aber selbst bei den neuen nationalpopulistischen Machthabern von Belgrad kein Gehör: Auch Đinđićs frühere Gegner bedienen sich heute gern aus seinem Zitatenschatz.

"Sein Mut kostete ihn das Leben"

Als "neuer Đinđić" wird in Serbiens Öffentlichkeit mittlerweile mit SNS-Chef Aleksander Vučić ausgerechnet der Mann gefeiert, der den Belgrader Zoran-Đinđić-Boulevard noch 2007 in Ratko-Mladić-Boulevard umbenennen wollte. Als Generalsekretär der ultranationalistischen SRS überklebte er damals eigenhändig Straßenschilder mit dem Namen des Kriegsverbrechers, der 2011 an das UN-Tribunal in Den Haag ausgeliefert wurde.

Auch SPS-Premier Ivica Dačić, der einstige Sprecher des verstorbenen Autokraten Milošević,  pflegt heute gerne, seinen einstigen Widersacher Đinđić zu zitieren. Dessen Mutter Mila Đinđić macht das zornig. "Es wäre besser, Ihr würdet endlich die Wahrheit über den Tod von Zoran enthüllen", sagte sie. Je mehr Zeit verstreiche, desto mehr sei sein Fehlen zu verspüren: "Zoran versuchte in Serbien zu lösen, was bis heute hier nicht gelöst ist. Und dieser Mut hat ihn das Leben gekostet."