ZEIT ONLINE: Herr Idriss, Sie waren mehr als dreißig Jahre Soldat der Syrischen Armee. Vor acht Monaten haben Sie die Seiten gewechselt, jetzt sind Sie Stabschef der Freien Syrischen Armee (FSA). Haben Sie Schuldgefühle?

Salim Idriss: Gegen meine ehemaligen Kameraden zu kämpfen, macht mich sehr traurig. Ich habe zwanzig Jahre lang in der Militärakademie in Aleppo gearbeitet. Früher oder später werden wir sie angreifen müssen. Viele meiner ehemaligen Kameraden arbeiten noch dort. Natürlich will ich nicht, dass meine Männer sie verwunden oder töten. Ich werde sie bitten, zu fliehen, die Seiten zu wechseln. Aber am Ende werden wir die Akademie angreifen.

ZEIT ONLINE: Warum sind Sie zu den Rebellen übergelaufen?

Idriss: Weil das Regime willkürlich Leute umbringt und unser Land verwüstet. Ausschlaggebend war, dass die Armee mein Dorf angegriffen hat. Sie haben drei Menschen getötet und 70 verletzt, alle gehörten zu meiner Großfamilie. Sie haben alles zerstört.

ZEIT ONLINE: Wie muss man sich den Seitenwechsel vorstellen?

Idriss: Es war ein ganz normaler Tag in der Akademie, ein Donnerstag. Ich hatte viel zu tun und war eine Stunde später dran also sonst, mein Fahrer drängte schon zur Eile. Als ich nach Hause kam, sah ich, dass meine Frau und meine Schwägerin weinten. Ich fragte: Was ist passiert? Viele meiner Verwandten kämpften damals gegen das Regime. Ich dachte: Bestimmt ist einer von ihnen gestorben. Meine Frau erzählte mir, dass ein Studienfreund meiner Tochter, er war 22, in Homs getötet wurde. Wir kennen seine Familie sehr gut. Sie sagte mir auch, dass meine beiden Brüder übergelaufen sind. Da habe ich mich dann entschieden. Ich fragte meine Frau: Bist du bereit? Wir hatten schon zwei Monate vorher beschlossen, dass wir irgendwann fliehen würden, aber niemanden etwas erzählt, auch nicht den Kindern. Wir hatten alles heimlich vorbereitet.

ZEIT ONLINE: Wo leben Sie jetzt?

Idriss: Es gibt ein Hauptquartier für den Stabschef, aber wir können nie lange dort bleiben. Meistens fahre ich nach einer halben Stunde wieder, aus Angst, dass das Regime angreifen könnte. Ich schlafe jede Nacht an einem anderen Ort. Ich fahre in die Dörfer, wo ich Leute kenne und frage: Können wir eine Nacht bei euch bleiben?

ZEIT ONLINE: Gibt es Regionen innerhalb Syriens, in die Sie nicht mehr fahren, weil sie zu gefährlich sind?

Idriss: Ich würde gerne nach Homs fahren, an die Ostfront, nach Hama, aber mir fehlt die Zeit. Ich habe sehr viel zu tun, ich bin für so vieles verantwortlich. Nach meinem Besuch hier in Brüssel will ich versuchen, nach Hama zu fahren. Es ist sehr wichtig, den Kämpfern beizustehen.

ZEIT ONLINE: Wann waren Sie das letzte Mal an der Front?

Idriss: Anfang März, in der Provinz Aleppo, bei den Kämpfen um die Polizeischule in Chan al-Assal. Die Akademie, in der ich früher gearbeitet habe, war nur zwei Kilometer entfernt.

ZEIT ONLINE: Die gesamte Führung der FSA besteht aus Generälen, die wie Sie die Seiten gewechselt haben. Manche Rebellen beschweren sich, dass diese Generäle nur selten wirklich kämpfen. Stattdessen würden sie sich in Grenzgebieten oder im Ausland aufhalten.

Idriss: Nein, nein. Das ist falsch. Alle Generäle, die unter meinem Kommando stehen, arbeiten in Syrien. Wir müssen die verschiedenen Gruppen treffen, um mit ihnen die Operationen zu planen, dazu müssen wir in Syrien sein. Es gibt Generäle, die in die Türkei geflohen sind und dort in einem Flüchtlingslager leben, vielleicht trägt das zu solchen Gerüchten bei. Aber diese Generäle gehören nicht zu uns. Einige Rebellen kennen die Wahrheit einfach nicht. Und ich kann ihnen auch nicht jeden Tag sagen, wo ich bin. Manchmal rufen mich Leute an und fragen: Wo bist du gerade? Aber es ist sehr gefährlich für mich, das zu erzählen. Ich bin der Staatsfeind Nummer eins.