Die Kontrolleure am New Yorker Flughafen sind spürbar nervöser als sonst. Schon beim Einchecken in Berlin hatte es geheißen: "Haben Sie Waffen dabei?" Wer würde denn Waffen in die USA mitbringen?

Auf dem New Yorker Times Square stehen nicht nur Polizisten, sondern auch Soldaten in Grünzeug, mit der MP am Schultergurt. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg und sein Polizeichef Ray Kelly versicherten, alles werde getan, um eine vergleichbare Tat wie in Boston zu verhindern: Überwachungskameras, die Nummernschilder lesen können, Patrouillen vor Hotels und in Kirchen, Taschenkontrollen in der U-Bahn, ein Bürgertelefon, um Verdächtiges an die Polizei melden zu können. Der Schock von Boston hat ganz Amerika erfasst, besonders aber New York.

Hier fühlen sich viele in die Zeit von 9/11 versetzt, als blutende Menschen auf der Straße taumelten. Auch dass die Fluglinie American Airlines gehackt und der Flughafen von Boston stillgelegt wurde, und dass der Senator Roger Wicker einen Brief mit dem Gift Rizin zugeschickt bekam, erinnert an 9/11 und an die Anthrax-Panik danach.

Der Bombenanschlag auf den Bostoner Marathon hat zwar vergleichsweise wenige Todesopfer gefordert, drei Menschen starben, ein achtjähriger Junge und zwei Frauen. Das liegt aber hauptsächlich daran, dass die fast 200 Verwundeten sofort in Krankenhäuser geschafft und notoperiert wurden. Viele von ihnen haben Arme oder Beine verloren. Offenbar wurden mehrere Druckkochtöpfe voll Schwarzpulver und scharfen Metallteilen mit einem Zeitzünder zur Explosion gebracht. Eine Konstruktion, um möglichst viele Verletzungen anzurichten.

Zwischen Hass und Verschwörungstheorien

Ähnliche Bomben werden von Aufständischen im Irak und Afghanistan gegen die U.S. Army eingesetzt. Inspire, ein von Al-Kaida unterhaltenes Onlinemagazin, hat dafür eine Bauanleitung veröffentlicht, und schon 2008 wollte ein Attentäter eine ähnliche Bombe am Times Square hochgehen lassen.

Dass es so viele potenzielle Antworten auf die Frage nach den Tätern gibt, wirft ein Licht auf den Zustand, in dem sich Amerika befindet. Der Anschlag von Boston geschah am Tax Day, an dem die Steuererklärungen abgegeben werden müssen – dagegen gibt es regelmäßig Demonstrationen von Libertären und neuerdings auch von Tea-Party-Mitgliedern.

Das Attentat geschah überdies noch kurz vor dem Jahrestag des Anschlags von Oklahoma City, wo der Neonazi Timothy McVeigh 166 Menschen umgebracht hat, und vor dem Jahrestag von Waco, als nach einem FBI-Einsatz Dutzende von Mitgliedern einer rechtslastigen Sekte verbrannten. Waco war ein einschneidendes Ereignis, das rechten Verschwörungstheoretikern als Beweis dafür dient, dass Washington heimlich Konzentrationslager für Regierungsgegner plant und Ähnliches mehr. Wicker wiederum, für den der Rizin-Brief gedacht war, gilt selbst ernannten Patrioten als Verräter, weil er zu einer Gruppe von Republikanern zählt, die die Endlosdebatte um den Bundeshaushalt gestoppt hat.