Atsuko Matsunasa schaut besorgt zum großen Bürokomplex auf der anderen Straßenseite hinüber. Dass auf dem Gelände des Verteidigungsministeriums – keine 500 Meter von ihrem kleinen Café im Stadtviertel Ichigaya entfernt – Abwehrraketen stationiert werden, gefällt der jungen Frau überhaupt nicht. "Ich verstehe, dass diese Notmaßnahmen nötig sind, um einen Raketenangriff aus Nordkorea abzuwenden", sagt Matsunasa. "Trotzdem ist die Vorstellung, dass es plötzlich hier, im Zentrum von Tokio, einsatzbereite Raketen gibt, extrem beunruhigend."

Angesichts der anhaltenden Drohungen des Kim-Regimes und der Aussicht, dass die Nordkoreaner in Kürze möglicherweise Raketentests durchführen, ließ die Regierung von Premier Shinzo Abe an elf verschiedenen Orten in Japan Patriot-Abwehrraketen stationieren. Nun ist es nicht das erste Mal, dass Japan sich auf Raketen aus Nordkorea vorbereitet. In den vergangenen vier Jahren erteilte die Regierung in Tokio ihren Abwehrkräften bereits dreimal den Befehl, jedes Geschoss, das sich japanischem Territorium nähert, abzuschießen.

Diesmal jedoch scheint die Lage angespannter zu sein, denn anders als bisher wurde der Befehl nicht offiziell angekündigt. Obwohl er wegen seiner harten Verteidigungspolitik als Falke gilt, wollte Ministerpräsident Abe offensichtlich vermeiden, dass die Regierung in Pjöngjang den Befehl als aggressive Handlung empfindet. In japanischen Zeitungen wird diese Zurückhaltung als Zeichen dafür interpretiert, dass die Lage sehr ernst ist.

Nordkorea schürt die Ängste der Japaner

"Nordkorea zeigt eine nie zuvor gesehene Aggressivität", schrieb am Mittwoch die Tageszeitung Mainichi Shimbun. "Noch nie sind Japan, die USA und Südkorea so stark unter Druck geraten." Seit im Januar der Sicherheitsrat der Vereinigten Nationen die Sanktionen gegen Pjöngjang verschärfte, hat die Zahl der Provokationen aus Nordkorea deutlich zugenommen. Die jüngste Eskalation – erklärt die japanische Tageszeitung – sei kein Zufall. Wie eine regierungsnahe Quelle aus Nordkorea den japanischen Reportern erklärte, will Kim Jong Un dem Feind zeigen, "dass er bereit ist, noch entschlossener als sein Vater zu handeln."

Die nordkoreanische Regierung schürt die Ängste der Japaner noch, indem sie durch die Staatsmedien ankündigen lässt, dass, "Japan teuer bezahlen wird", wenn die Regierung in Tokio weiterhin die Befehle der Amerikaner befolge.

In Japans Medien wiederum findet man heftige Tiraden gegen Pjöngjang. Die Soziologin Yuko Tanaka macht daher auch die Medien für die Animositäten der Japaner gegenüber Nordkorea verantwortlich. "Die Medien sollten mehr aufpassen", sagte Tanaka, "denn im Land gibt es immer mehr Menschen, die sich gegen Nordkorea und gegen die in Japan ansässigen Koreaner mit hasserfüllten Worten wenden. Die Medien gehen davon aus, dass die Japaner feindselig gegenüber Nordkorea eingestellt sind. Das stimmt aber nicht."

Ministerpräsident Abe wendet sich daher mit beruhigenden Worten an die Bevölkerung. Auf einer Pressekonferenz am Dienstag kündigte er an, dass die Regierung "alles unternehmen wird, um das Leben der Bürger zu schützen." Sowohl Abe als auch der Verteidigungsminister Itsunori Onodera sagten, dass Tokio gemeinsam mit den Partnerländern "ruhig aber aufmerksam" die Entwicklung der Krise verfolge.