Im syrischen Bürgerkrieg ist die Gewalt inzwischen allgegenwärtig, sie gefährdet die Sicherheit der ganzen Region. Im Libanon rief ein militanter Scheich, der 18 Jahre in Berlin gelebt hatte und ausgewiesen wurde, junge Sunniten zum Dschihad gegen Präsident Baschar al-Assad auf. Mehrere hundert Elitekämpfer der Hisbollah helfen dem alawitischen Regime, sich in Damaskus einzuigeln und einen Korridor von der Hauptstadt bis zu den Siedlungsgebieten der schiitischen Präsidentensekte am Mittelmeer freizukämpfen.

Nach zwei Jahren Bürgerkrieg scheint das Assad-Regime den Plan aufgegeben zu haben, die abtrünnigen Regionen im Norden und Osten Syriens zurückzuerobern. Stattdessen konzentriert sich der Diktator darauf, für sich und seine Getreuen ein alawitisches Restsyrien zu schaffen. "Mit Milizionären und Terroristen gibt es keinen Waffenstillstand", sagte er. Assad setzt nun auf eine Option – den Teilsieg.

Militärisch herrscht seit Monaten ein Patt. Assads Luftwaffe bombardiert Orte der Regimegegner, um die Einrichtung von Sicherheitszonen und Interim-Verwaltungen zu verhindern. Die Armee konzentriert ihre Angriffe auf Rebellenviertel am Rande von Damaskus sowie die Korridorstädte Homs und Qusair, ohne die eine Verbindung von der Hauptstadt zu der alawitischen Küstenregion um Tartus und Lattakia nicht möglich wäre.

Gewalt in das Herz des Libanon tragen

Zahlreiche Dörfer im Grenzgebiet zum Libanon wurden in den letzten Tagen mithilfe von Hisbollah-Kriegern zurückerobert, in Qusair toben heftige Kämpfe. Im Gegenzug drohten die syrischen Aufständischen, die blutige Gewalt "in das Herz des Libanon" zu tragen und die Bastionen der Hisbollah in der Bekaa-Ebene anzugreifen. Die "Partei Gottes" verspotteten sie als "Partei des Teufels".

Bei Straßengefechten, Razzien und Massenverhaftungen in Syrien herrscht inzwischen eine unfassbare Grausamkeit, wie zahlreiche Videos belegen. Auf einem sind Regimeschläger zu sehen, die zwei Gefesselte mit Eisenstangen halbtot prügeln und einem schließlich unter Gelächter das Gesicht anzünden.

Auf einem anderen werden Männer, die nackt in Blechfässer gesteckt worden sind, schwer gefoltert, weil sie angeblich Waffen an die Rebellen verkauft haben. In einer Ortschaft nahe Damaskus richteten Soldaten am Wochenende ein Massaker an, mit mehr als 100 Toten, manche der Opfer zeigten schwere Folterspuren oder hatten zerschossene Gesichter.

Im Norden Syriens entführten Bewaffnete zwei christliche Bischöfe, sie wurden inzwischen wieder freigelassen. Der Vorfall aber zeigt ein weiteres Mal, dass Entführungen und Geiselnahmen durch bewaffnete Banden und ihre Warlords in Syrien inzwischen an der Tagesordnung sind. Sie treffen immer häufiger auch Angehörige der christlichen Minderheit, zu der acht bis zehn Prozent der 23 Millionen Einwohner gehören. Meistens gelingt es den Verwandten, die Opfer mit hohen Lösegeldern freizukaufen.

Die Christen haben lange versucht, sich so gut es ging, aus dem Machtkampf herauszuhalten. Viele von ihnen fürchten, Syrien könnte nach dem Fall von Assad zu einem islamitisch-sunnitischen Staat werden, in dem ihre Minderheitenrechte nicht mehr garantiert sind. Als warnendes Beispiel gilt ihnen der Massenexodus der irakischen Christen nach dem Sturz von Saddam Hussein, ausgelöst durch den Mord an Bischof Paulos Faraj Rahho aus Mossul im März 2008 sowie dem Massaker in der Sayidat al-Nejat Kathedrale von Bagdad im November 2010. In Ägypten sind in den zwei Jahren nach dem Sturz von Hosni Mubarak durch Kämpfe zwischen koptischen Christen und salafistischen Radikalen bisher Dutzend Menschen gestorben.

Der entführte Erzbischof Yohanna Ibrahim stand dem Regime Assads bisher loyal gegenüber und beschwor seine Mitgläubigen immer wieder, Syrien nicht zu verlassen. Sein griechisch-orthodoxer Amtskollege Boulos Yazigi warnte kürzlich in einem Interview, der arabische Frühling dürfe die religiöse Vielfalt im Nahen Osten nicht gefährden. "Was ist ein Frühling ohne Farbenpracht – verglichen mit den Nebelschleiern im Winter", sagte er. Vielfalt sei ein Reichtum, farblose Einförmigkeit dagegen eine Zeitbombe, die irgendwann auch ihre Besitzer töten werde.