Nicolás Maduro ist ein Kämpfer, der Präsidentschaftskandidat der regierenden Sozialisten in Venezuela brüllt und singt. Es ist Wahlkampf, am Sonntag will er zum Nachfolger des vor gut einem Monat verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez gewählt werden. Dafür mobilisiert der schnauzbärtige Hüne die letzten Kraftreserven. Die aktuellen Wahlumfragen sagen einen Sieg des ehemaligen Gewerkschaftsfunktionärs und Außenministers voraus.

Es ist das erste Mal, dass Maduro sich in einem bedeutenden Wahlkampf stellen muss. Nach holprigem Start fand der selbsternannte "Sohn" und "Apostel" von Hugo Chávez im kurzen Wahlkampf am Ende seine eigene Linie, wirkte nicht mehr so unbeholfen wie am Anfang der Kampagne.

Maduro präsentiert sich im Wahlkampf, als sei er der legitime Erbe von Hugo Chávez. Mehr als 200 Mal am Tag nennt Maduro den Namen seines Vorgängers, hat eine Internetseite gezählt. "Ihr wollt doch nicht, dass die Opposition die Mission unseres Kommandanten zerstört?", fragt er seine Anhänger. Den bürgerlichen Kontrahenten Henrique Capriles geht er frontal an. Er setzt auf eine Ausgrenzung der Opposition, die trotz ungleicher Kräfteverhältnisse in Medienpräsenz und Finanzierung immerhin rund 45 Prozent des Wahlvolkes ausmachen: "Wenn irgendein Landsmann einen Zweifel daran hat, dann legt er seine Hand auf sein Herz und fragt sich, ob dieses Vaterland in die Hände dieses Vertreters der Bourgeoisie und Repräsentanten der Gringos fallen soll. Einer, der sich mehr in New York aufhält, als in Venezuela."

Maduros Trumpfkarte: seine einfache Herkunft

Die Botschaft, die dahinter steckt ist klar: Wer für Maduro stimmt, ist ein guter Venezolaner, wer den bürgerlichen Herausforderer Henrique Capriles wählt, ein Vaterlandsverräter.

Maduro kann auf einen funktionierenden staatlichen Machtapparat zurückgreifen. Er ist der Wunschnachfolger des verstorbenen Hugo Chávez, der den ehemaligen Busfahrer noch vor seiner letzten Krebsoperation öffentlich zum Nachfolger ausrief. Seine Herkunft aus einfachen Verhältnissen spielt Maduro als Trumpfkarte aus: "Ich bin ein Sohn der Arbeit und des Volkes. Einer, der noch nie gearbeitet hat, weiß nicht, was das bedeutet."

Die von Chávez angestoßenen Sozialprogramme, die die Armen des südamerikanischen Landes erstmals in den Mittelpunkt der Politik gerückt haben, will Maduro fortsetzen. Sie bilden das Herzstück der politischen Erfolgsgeschichte der venezolanischen Sozialisten seit 1999. Ähnlich wie in Deutschland das Aufkommen der Grünen die politische Landschaft in den 1980er Jahren änderte und den Umweltschutz in die Parteiprogramme spülte, wird es in Venezuela und Lateinamerika künftig nicht mehr möglich sein, Wahlen zu gewinnen, ohne die ärmeren Bevölkerungsschichten zu berücksichtigen. Das ist das politische Vermächtnis, das Chávez seinem Nachfolger ebenso hinterlässt wie einen von Steuergeldern und Ölmillionen finanzierten Macht- und Medienapparat, der praktisch unschlagbar ist.

Zwei Kernaussagen kennzeichnen den Wahlkampf Maduros: Er kündigt eine kräftige Erhöhung des Mindestlohnes an, um damit für seine Kernklientel die Auswirkungen durch die erneute Abwertung der venezolanischen Währung abzumildern. Dazu will der 51-jährige Interimspräsident mit einer Entwaffnungsinitiative der unter den Sozialisten völlig außer Kontrolle geratenen Kriminalität und Gewalt in Venezuela Herr werden. 20.000 Tote, eine korrupte Polizei und eine ständig wegschauende Justiz – Venezuela ist eines der gefährlichsten Länder Südamerikas geworden.

 Venezuelas Opposition wird eingeschüchtert

Zum geerbten Machtapparat Maduros gehören die gefürchteten Milizen in den Armenvierteln der Millionenstädte Venezuelas. Chávez hatte die bewaffneten Banden einst aufgerüstet, um sich gegen eine von ihm befürchtete Invasion der USA zu schützen und die Revolution zu verteidigen. Mittlerweile haben sich die Milizen verselbstständigt und sind nur noch schwer kontrollierbar.

Ein Dauerärgernis im Chávez-Staat ist auch die immer wieder zusammenbrechende Stromversorgung. Maduro machte daraus jüngst einfach ein Problem der Opposition, die in konspirativen Treffen angeblich einen nationalen Stromausfall vorbereite. "Ich rufe das Volk auf, die Revolution auf der Straße zu verteidigen, wenn diese Leute es wagen, diesem Land den Strom auszuschalten." Tatsächlich meldeten die Behörden am Donnerstag gezielte Sabotageaktionen: Es sei ein "orchestrierter Plan" mit Saboteuren aus dem In- und Ausland, behauptete der Präsident der Nationalen Elektrizitätsgesellschaft – der Argenis Chávez heißt und der Bruder des verstorbenen Staatschefs ist.

Drangsaliert werden in Venezuela zudem regierungskritische Medienhäuser wie der Sender Globovision oder das Verlagshaus El Universal. Sie erhalten gelegentlich Besuch von sogenannten Kommunikationsguerilleros. Die motorisierten Banden demonstrieren dann vor den Redaktionen ihre Stärke. Mal sind es Feuerwerkskörper, mal sind es Schüsse, die durch die Luft peitschen, während die Motoren aufheulen.

Es ist ein bedrohliches Einschüchterungsritual der Machthaber, das an die Bürgerkriegswarnungen von Hugo Chávez im vergangenen Wahlkampf erinnert. Auch daran knüpft Maduro nahtlos an: "Niemals werden wir zulassen, dass sie wieder die Macht in diesem Land übernehmen." Es ist in diesem Wahlkampf eine seiner meist zitierten Drohungen gegen die Opposition.