Die Angreifer kamen zu Tausenden, bewaffnet mit Macheten, Molotow-Cocktails und selbst gebauten Pistolen. Die Rohingya, eine muslimische Minderheit in Myanmar (vormals Birma), hatten gegen die radikalen Buddhisten keine Chance. Die myanmarischen Sicherheitskräfte hatten die Muslime nur wenige Stunden zuvor entwaffnet – und sollen sich selbst an der Gewalt beteiligt haben. Am Ende des Tages waren mindestens 70 Muslime tot, darunter 28 Kinder.

Die Ereignisse im Oktober schildert ein 153 Seiten dicker Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW). Der Vorfall in dem Dorf Yan Thei ist nur einer von vielen in dem Bericht aufgeführten Gräueltaten. Der Text liest sich wie eine Anklageschrift gegen den Staat Myanmar und dessen politische Führung. "Die Regierung toleriert und unterstützt ethnische Säuberungen", sagte der stellvertretende Asiendirektor Phil Robertson, als er im April den Bericht in Bangkok vorstellte.

Der Chef dieser Regierung, Präsident Thein Sein, traf am Montag Barack Obama im Oval Office. Es ist ein historischer Besuch. Seit 47 Jahren war kein Staatsoberhaupt aus Myanmar mehr zu Gast im Weißen Haus. Jahrzehntelang hatte der Westen das vom Militär kontrollierte Land geschnitten und mit Sanktionen isoliert. Thein Sein beendete diese Situation, indem er nach seinem Amtsantritt politische und gesellschaftliche Reformen einleitete. Sein hätte bis zum vergangenen September noch nicht einmal in die USA einreisen dürfen – auch er hatte zuvor der Militärjunta gedient. Der Besuch war so der vorläufige Höhepunkt der Rehabilitierung des Regimes. Obama machte zwar auf die schwierige Lage der Minderheiten in dem Staat aufmerksam. Er hatte jedoch auch viel Lob für seinen Amtskollegen übrig: "Mit seinen wirtschaftlichen und politischen Reformen hat Thein Sein diese neuen Beziehungen möglich gemacht", sagte der Präsident.

Wegen des Reformkurses beendet der Westen Sanktionen

Menschenrechtsorganisationen kommt diese Neubewertung jedoch zu schnell: "Die internationale Gemeinschaft muss ein differenzierteres Bild von Birma haben", sagt HRW-Aktivist Robertson. Ein Teil der Sanktionen müssten aufrecht gehalten werden, um einen besseren Schutz der Minderheiten zu erzwingen. Der Myanmare Maung Zarni, der an der London School of Economics über sein Heimatland forscht, wählte auf einer Veranstaltung mit ausländischen Journalisten noch drastischere Worte: "Westliche Politiker jubeln die Verantwortlichen in Birma hoch, damit niemand sieht, dass sie sich mit Menschen abgeben, an deren Händen Blut klebt."

Die Befürworter der Annäherung verweisen auf die demokratischen Fortschritte des Landes seit 2011: Myanmar ließ politische Gefangene frei und schraubte die Pressezensur zurück. Im April 2012 konnte die Oppositionelle Aung San Suu Kyi mit ihrer Nationalen Liga für Demokratie ins Parlament einziehen, nachdem sie rund 15 Jahre unter Hausarrest gestanden hatte. Und auch kurz vor Thein Seins Washington-Besuch entließ die Regierung erneut rund 20 Oppositionelle aus den staatlichen Gefängnissen.

Als Belohnung für den Reformkurs lockert der Westen die Sanktionen gegenüber dem Land. Im April hob die EU ihre Handelsbeschränkungen bis auf einen Waffenboykott komplett auf. Die USA erleichterten erst Anfang Mai nochmals den wirtschaftlichen Austausch mit dem Land, behalten jedoch noch einige Einschränkungen bei.

Bereits jetzt geht ein Ruck durch Myanmars Wirtschaft. Das durch seine Isolation  rückständige Land mit rund 50 Millionen Einwohnern hat sich zu einem Lieblingsziel internationaler Investoren entwickelt. Das Land hat viel aufzuholen, zudem ist es rohstoffreich und liegt strategisch günstig zwischen den aufstrebenden Mächten China und Indien. Der britische Telefonkonzern Vodafone bewirbt sich derzeit beispielsweise um milliardenteure Mobilfunklizenzen und tritt dabei gegen ein Dutzend internationaler Bewerber an. Nach seiner Begegnung mit Obama traf sich Thein Sein mit amerikanischen Top-Managern, um für Investitionen in seinem Land zu werben.