Die Bulgaren haben am Sonntag ein neues Parlament gewählt – und sich dabei mehrheitlich für die Partei des zurückgetretenen Regierungschefs Bojko Borissow entschieden. Vorläufigen amtlichen Angaben zufolge kommt die Gerb (Bürger für eine europäische Entwicklung Bulgariens ) auf 31 Prozent der Stimmen und konnte sich damit gegen die oppositionelle BSP (Bulgarische Sozialistische Partei) mit ihren 27 Prozent durchsetzen.

Trotz des Wahlsiegs verpasste Borissows Gerb die absolute Mehrheit und muss sich deshalb auf harte Verhandlungen einstellen. "Ich nehme an, die Regierungsbildung wird sehr schwierig", sagte der ehemalige Fraktionsleiter der Gerb, Krassimir Weltschew, dem Privatfernsehen bTV. Das Führungsmitglied der Sozialisten, Angel Najdenow, sprach von einer "nie dagewesenen Isolation der Gerb". 


Vertreter der Gerb kündigten die Bildung einer neuen Minderheitsregierung an. Auf diese Weise hatte die konservative Partei bereits bis Februar regiert. Beobachter schlossen aber auch einen neuen Wahlgang nicht aus, sollten sich die zerstrittenen Parteien nicht auf eine Koalition einigen können.

Demonstration in Sofia gegen Wahlausgang

Die Parlamentswahl wurde vorgezogen, nachdem die bürgerliche Regierung der Gerb-Partei im Februar in Folge von Massenprotesten gegen Armut und weit verbreitete Korruption zum Rücktritt gezwungen worden war.

Auch am Sonntag gab es neue Proteste. Demonstranten beklagten die "Neuauflage des alten Parlaments". Die Sozialisten warfen der Gerb "Wahlmanipulation" vor. "Sie ist mit manipulierten und gekauften Stimmen zahlenmäßig zur ersten Kraft geworden, doch das gibt ihr nicht das Recht, zu regieren", erklärte Sozialisten-Chef Sergej Stanischew.

In der Hauptstadt Sofia kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Etwa 150 Menschen versuchten, den Kulturpalast zu stürmen, wo sich das Pressezentrum für Journalisten befand. Sie skandierten immer wieder "Mafia!", es wurden Steine und Flaschen geworfen.

Bereits vor der Wahl waren Betrugsvorwürfe bekannt geworden. Am Samstag beschlagnahmten Ermittler in einer privaten Druckerei unweit der Hauptstadt Sofia 350.000 gefälschte Stimmzettel . Nach Angaben der Nachrichtenagentur Bgnes unterhält der Druckereibesitzer enge Verbindungen zu Borissow.

Den Sprung über die Vier-Prozent-Hürde in das Parlament schafften auch die Bewegung der türkischen Minderheit DPS mit 9,0 Prozent und die nationalistische Ataka mit 7,6 Prozent.