ZEIT ONLINE: Ist es modern, gegen die Europäische Union und das System zu sein?

Kai Arzheimer: Es kommt darauf an, welches System abgelehnt wird. In Italien hat sich das dortige Parteiensystem in den vergangenen 20 Jahren als sehr reformunfähig erwiesen. Bei der britischen UKIP aber geht es nicht darum, das System zu verändern, ganz im Gegenteil. Ihr geht es um die Frage: Wie können wir uns vor Europa und neuer Zuwanderung schützen? In dem Sinn ist sie eine extrem konservative Partei, die das System stützt.

ZEIT ONLINE: Aber die EU-Skepsis ist schon ein wichtiger Punkt in der Agenda dieser neuen Protestparteien, oder?

Arzheimer: Die EU-Skepsis ist an und für sich kein neues Phänomen. Als in den 1990er-Jahren mit dem Vertag von Maastricht die Union beschlossen wurde, entstand eine gewisse Reserviertheit gegenüber Europa. Die Bürger merkten, es ist ein ernstes Thema. Seit zwei, drei Jahren stieg diese Skepsis durch die Krise massiv an. Das schlägt auch auf die Stimmung nieder. Die Krise macht das Thema wichtiger und prominenter, als es vielleicht war.

ZEIT ONLINE: Wer wählt diese Parteien?

Arzheimer: Protestwähler kommen aus fast allen Bereichen. Zum einen sind das vorherige Nicht-Wähler, die sich wieder von diesen Parteien aktivieren lassen. Zum anderen sind das Menschen, die von den herkömmlichen Parteien enttäuscht sind.

ZEIT ONLINE: Woher kommt diese Enttäuschung? Können etablierte Parteien die Probleme nicht mehr lösen?

Arzheimer: Die etablierten Parteien werden häufig als Teil des Problems gesehen. Das hängt auch damit zusammen, dass sich in allen Staaten Europas traditionelle Parteibindungen abschwächen oder sogar ganz auflösen.

ZEIT ONLINE: Ist der Anführer der Fünf-Sterne-Bewegung Giuseppe Grillo mit seiner ablehnenden Haltung gegenüber der italienischen Politik eine Gefahr für die Demokratie?

Arzheimer: Grillo ist ein Problemfall für Italien, weil er die totale Opposition predigt. Das italienische Parlament ist in der Verlegenheit, nicht an Grillo vorbeizukommen. Schließlich haben sie viele Sitze gewonnen.

ZEIT ONLINE: In Griechenland formten sich zwei Anti-Euro-Parteien: Plan B und Drachme. Beide wollen die alte Währung wiedereinführen. Haben sie in dem krisengebeutelten Land eine Chance?

Arzheimer: Kein Mensch weiß wie es mit Griechenland weitergeht. Die Regierung scheint ziemlich stabil zu sein und auch die Griechen an sich glauben, die Talsohle erreicht zu haben. Wenn das so bleiben sollte, rechne ich der Bewegung keine großen Chancen zu. Aber Griechenland ist unglaublich schwer zu prognostizieren.

ZEIT ONLINE: Nicht nur Griechenland steckt tief in der Krise. Auch Spanien. Dort gibt es trotz der schwierigen Lage keine Anti-Euro-Bewegung. Wie lässt sich das erklären?

Arzheimer: Ich denke, das hängt mit der politischen Kultur Spaniens zusammen. Es wurde immer großen Wert darauf gelegt, ein Teil Europas zu sein und zum Westen zu gehören. Protest gibt es aber: die Bewegung Indignados ("Empörte") in Spanien, die sich vor allem gegen den radikalen Sparkurs richtet. Seit zwei, drei Jahren gehen vor allem jüngere Menschen ständig auf die Straße, um zu protestieren.

ZEIT ONLINE: Warum engagieren sich diese Jüngeren nicht auch in Parteien?

Arzheimer: In Spanien gibt es mehr Hemmungen eine Partei zu gründen, da es eine erhebliche Sperrklausel gibt.