In den vergangenen Jahren hat Bundeskanzlerin Angela Merkel mit zwei unterschiedlichen Typen des "homo italicus" zu tun gehabt. Zuerst war es  der lächelnde Charmeur, dann der höfliche Professor. Nun ist der brave Junge an der Reihe. Trotz seiner 46 Jahre wirkte der neue italienische Ministerpräsident Enrico Letta (PD) bei seinem kurzen Berlin-Besuch am Dienstag wie ein Schwiegersohn bei seinem Antrittsbesuch.

"Ich werde mich heute Abend von der Bundeskanzlerin beraten lassen", sagte Letta zum Abschluss der Pressekonferenz im Bundeskanzleramt. Und zwinkerte Merkel zu. Lettas Zwinkern ist nicht nur Witzelei. Er will eine vertrauensvolle Beziehung mit der Bundeskanzlerin aufbauen. Denn die Beziehungen zu Deutschland werden für seine Regierung von entscheidender Bedeutung sein.

Dieser ist einer der Gründe, warum Letta ausgerechnet in Berlin seine Europa-Tour begann. Zwar äußerte sich Montis Nachfolger oft kritisch über die deutsche Vorherrschaft in Europa. Man hätte entsprechend erwarten können, dass die erste Etappe seiner Reise Paris sei. Im französischen Präsidenten Hollande hätte Letta sicher einen Mitstreiter im Kampf gegen die deutsche Sparpolitik gefunden.

Warum dann Berlin? Die Antwort ist einfach: Letta braucht eine starke, parteiübergreifende Legitimierung in Europa. Denn ohne diese ist er der Willkür seiner Regierungspartner ausgeliefert. Wenige Stunden bevor der Ministerpräsident nach Berlin flog, hatte eine große Mehrheit aus PD, Berlusconis PDL und Montis Bürgerwahl Lettas Regierung ihren Segen erteilt. Um sich die Unterstützung der Berlusconi-Partei zu sichern, musste der neue Regierungschef jedoch seinen Exgegenspielern einige Zugeständnisse machen. In erster Linie die Abschaffung der Immobiliensteuer.

Gegen diese Steuer, die die Monti-Regierung erst vor anderthalb Jahren wieder einführte, hatte die PDL einen harten Wahlkampf geführt. In seiner Rede vor dem Parlament am Montag versprach Letta, dass die erste Rate der umstrittenen Steuer im Juni ausfallen wird. "Das ist ein klarer Sieg Berlusconis", sagten gleich einige Vertraute des Cavaliere. Der Plan der PDL ist klar: Italien rückt vom bisherigen Sparkurs ab – und Letta soll die Verantwortung dafür tragen.

Lettas Balanceakt

Der neue Ministerpräsident ist sich der Gefahr bewusst. Bevor er nach Berlin reiste, sagte er im Senat, dass auf seiner Regierung "zu hohe Erwartungen" lasten. Damit meint er auf der einen Seite die Erwartungen der Italiener, die eine Abkehr von der heutigen Spar- und Steuerpolitik verlangen. Auf der anderen Seite die der europäischen Partner,  vor allem Deutschlands,  die sich im Gegenteil wünschen, dass Italien auf Kurs bleibt.

Lettas Versuch, zwischen diesen beiden Extremen zu balancieren, kam auch während der Pressekonferenz im Bundeskanzleramt zum Ausdruck. Seine Regierung, versicherte er, werde auf jeden Fall sehr europafreundlich sein. "Einer der Gründe, warum wir bislang keine Lösung gegen die Krise finden konnten", sagte Letta, "ist, dass Europa noch nicht stark genug ist". Letta betonte, dass Italien weiterhin an der Sanierung der Staatsfinanzen arbeiten wird. "Wir wünschen uns aber, dass Europa dieselbe Entschlossenheit im Punkt Wachstum zeigt wie im Punkt Haushaltsdisziplin", fügte er hinzu.

Die Bundeskanzlerin stimmte dem zu und sagte, dass Wachstum und solide Finanzen nicht als Gegensätze gesehen werden dürfen. "Wachstum schafft solide Finanzen und solide Finanzen schaffen Wachstum", sagte Merkel. "Jedes Land", mahnte sie allerdings, "muss seine Aufgaben erledigen." Ein Teil dieser Aufgaben hat Italien bereits erfüllt – gab die Kanzlerin zu. Dies ist anscheinend auch die Meinung der Finanzmärkte. Deshalb zeichnete die Börse in Mailand in den vergangenen Tagen ein deutliches Plus. Gleichzeitig sank die Zinsspanne zwischen den italienischen und den deutschen zehnjährigen Staatsanleihen unter die Vier-Prozent-Marke – dasselbe Niveau wie vor der großen Zinspanik im Jahr 2011.