Quer durch Europa sind Protestbewegungen im Aufwind und kosten etablierte Parteien Prozentpunkte oder gar die Regierungsbeteiligung. Sie unterscheiden sich von den Protestparteien die Mitte der 1990er-Jahre in die Parlamente einzogen: Haider, Wilders und Le Pen ging es vor allem um die Ausgrenzung von Minderheiten. Ihre Themen waren Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Einwanderung. Die Neuen hingegen wollen das politische System als solches verändern und richten ihre Wut häufig gegen die Europäische Union, die Finanzmärkte und das Establishment.

Ihr Hauptargument – ob Rechts oder Links – gegen die Europäische Union ist ökonomischer Natur: Sie warnen vor der "finanziellen Solidarität innerhalb der EU" und wollen das Geld der Steuerzahler schützen, sagt Kai Arzheimer, Politikwissenschaftler an der Universität Mainz. Dabei ist das Ziel der Populisten oft nicht der Ausstieg, sondern eine Abspaltung des reichen Nordens vom armen Süden. Die südländischen Protestparteien hingegen wollen sich nicht den Regeln des Nordens unterwerfen.

An der Spitze steht bei nahezu allen Protestparteien ein "volksnaher" Vordenker, der glaubhaft macht, dem braven Steuerzahler aus der Seele zu sprechen. Es finden sich aber nicht nur Politikneulinge in den Protestparteien: So war der Initiator der AfD, Bernd Lucke, 33 Jahre lang CDU-Mitglied; aus Protest gegen die Euro-Rettung trat er aus der Partei aus. Auch der Brite Nigel Farage war jahrelang treues Mitglied der konservativen Tories, bevor er die UK Independence Party aufbaute. 

Politisch unkorrektes Verhalten

Häufig pfeifen die Protestparteien auf jede Form von politischer Etikette: Der Brite Farage bescheinigte dem EU-Ratspräsidenten Herman Van Rompuy während einer Plenarsitzung, er habe das "Charisma eines Waschlappens", nicht selten beschimpft auch Grillo seine Gegner. Österreichs Frank Stronach spricht ungern mit Medien und wenn, dann bezeichnet er Journalisten gern einmal als inkompetent. Auch die Piraten verhalten sich untypisch für Politiker, indem sie Konflikte etwa über soziale Medien austragen. 

Ihre Wähler finden die Protestparteien in allen Teilen der Gesellschaft. Laut Arzheimer lassen sich von den Anti-Euro-Parteien vor allem vorherige Nicht-Wähler und jene, die von den herkömmlichen Parteien enttäuscht sind, aktivieren. Laut einer aktuellen Umfrage würden in Deutschland sowohl die Piraten (84 Prozent) als auch die AfD (68 Prozent) zum Großteil wegen der Unzufriedenheit mit anderen Parteien gewählt. Trotzdem würden doppelt so viele Befragte die AfD aufgrund ihrer inhaltlichen Ausrichtung wählen (16 Prozent) als die Piraten, die vorrangig wegen des Protests als Solchem gewählt werden.

Allerdings reicht Protest auf Dauer nicht. Arzheimer sagt: "Wenn eine Partei nur vom Dagegen-Sein lebt, löst sie sich relativ schnell wieder auf. Mit relativ schnell meine ich nach der nächsten Wahl."