Tausende Demonstranten haben in Kairo den Rücktritt Mohammed Mursis gefordert. Die Opposition versammelte ihre Anhänger zum Jahrestag von Mursis Amtsantritt auf dem Tahrir-Platz. "Das Volk will den Sturz des Regimes", riefen die Demonstranten, von denen viele Fahnen schwenkten und rote Karten hoch hielten, während aus Lautsprechern patriotische Lieder erklangen.

Für den späten Nachmittag sind mehrere Protestzüge zum Präsidentenpalast in Heliopolis am Rande von Kairo geplant. Heliopolis liegt in der Nähe von Nasr City, wo sich die Anhänger des islamistischen Präsidenten vor einer Moschee versammelten. Sie folgten einem Aufruf seiner Partei, seine Legitimität zu stützen.

Angesichts der rivalisierenden Kundgebungen wuchs die Sorge vor einer Eskalation der Gewalt, nachdem in den Tagen zuvor bei Protesten acht Menschen getötet worden waren.    

Die Demonstration der Opposition wurde mitorganisiert von der Kampagne Tamarod (Rebellion), die nach eigenen Angaben 22 Millionen Unterschriften für den Rücktritt Mursis und die Abhaltung vorgezogener Neuwahlen gesammelt hat. Dies wären deutlich mehr als die 13,23 Millionen Wähler, die Mursi im Juni 2012 zum Sieg verholfen hatten. Mehrere Zeitungen sprachen am Sonntag von einem "Tag des Gerichts", während die oppositionsnahe Zeitung Al-Tahrir schlicht titelte "Verschwinde".

Ein Jahr nach dem Machtantritt Mursis ist Ägypten zutiefst gespalten. Während seine Anhänger darauf verweisen, dass er der erste demokratisch gewählte Präsident ist, werfen seine Gegner ihm vor, allein die Interessen der Muslimbruderschaft zu vertreten. Zudem kritisieren sie, dass er es nicht geschafft habe, die Wirtschaft wieder in Gang zu bekommen. Die Arbeitslosigkeit und die Inflation sind stark gestiegen. Zudem liegt die wichtige Tourismusindustrie weiter am Boden.

Parlamentarier treten zurück und protestieren

Am Samstag gaben mehrere Parlamentarier ihren Rücktritt bekannt, um die Opposition zu unterstützen. Mindestens acht Abgeordnete der Schura, dem Oberhaus des Parlaments, legten ihre Mandate nieder und mehrere weitere reichten nach Angaben der Volksvertretung ein entsprechendes Gesuch ein.

In Alexandria und in der Provinz al-Dakahlija wurden Büros der Partei für Freiheit und Gerechtigkeit, dem politischen Arm der Muslimbrüder, in Brand gesteckt. Ein weiteres Parteibüro in Beheira wurde gestürmt. Zahlreiche Geschäfte blieben am Sonntag aus Sorge vor Unruhen geschlossen. Bewohner versorgten sich vorsorglich mit Benzin und Lebensmitteln. Viele Menschen gingen aus Angst vor gewalttätigen Ausschreitungen nicht zur Arbeit.    


Mursi gibt sich im Interview trotzig

Mursi äußerte sich in einem Interview mit dem britischen Guardian trotzig: Er werde nicht zurücktreten und es werde keine zweite Revolution geben. "Wenn wir jemanden im Amt ersetzen, der verfassungsgemäß gewählt wurde – dann wird es andere Leute geben, die gegen diesen neuen Präsidenten sind. Und nach einer Woche oder nach einem Monat werden sie auch ihn auffordern zurückzutreten."

Mursi sagte, die privaten Medien würden die Proteste anheizen, indem sie die Zahl der Demonstranten größer darstellten als sie tatsächlich sei. Die Gewalt der vergangenen Tage gehe nicht von seinen Leuten, sondern von Anhängern Mubaraks aus. Mursi hat den Präsidentenpalast Itahadiya aus Sicherheitsgründen schon am Samstag verlassen.

Warnung vor einem Bürgerkrieg

Ein führender muslimischer Geistlicher warnte beide Seiten vor einem Bürgerkrieg. "Gewalt, Mord, Brandstiftung und Blutvergießen sind verdammenswert", sagte das Oberhaupt des einflussreichen Al-Azhar-Islam-Instituts, Scheich Ahmed al-Tajjib.

US-Präsident Barack Obama äußerte sich besorgt und rief die ägyptischen Behörden auf, für die Sicherheit der amerikanischen Botschaft und der Konsulate zu sorgen. Obama forderte während eines Besuchs in Südafrika, Demonstranten und Sicherheitskräfte sollten Zurückhaltung üben und der Gewalt abschwören. "Wir unterstützen friedliche Proteste und friedliche Methoden, im Land Wandel zu schaffen", sagte er nach einem Gespräch mit dem südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma .

Das Auswärtige Amt empfiehlt deutschen Staatsbürgern "nachdrücklich", während und nach den angekündigten Großdemonstrationen "besondere Vorsicht walten zu lassen und den jeweiligen Einzugsbereich der Demonstrationen (für Kairo insbesondere die Innenstadt und Heliopolis) weiträumig zu meiden".

Ausländer verlassen das Land

Auf dem internationalen Flughafen in Kairo herrschte Hochbetrieb. Sämtliche Flüge in die USA , nach Europa und in die Golfstaaten waren nach Angaben aus Sicherheitskreisen ausgebucht. Auch Mitarbeiter und Familienangehörige der US-Botschaft – insgesamt 45 Personen – verließen den Angaben zufolge das Land. Das US-Außenministerium warnte Amerikaner vor nicht unbedingt nötigen Reisen nach Ägypten. 

Bei Zusammenstößen zwischen Anhängern und Gegnern Mursis waren in den vergangenen Tagen bereits mindestens acht Menschen getötet worden. Unter den Todesopfern war auch ein 21-jähriger US-Student, der am Freitag Fotos von den Ausschreitungen in Alexandria machen wollte und dabei zwischen die Fronten geriet.